Frühlings Erwachen im Sommer

Wie die Wahrnehmung einen manchmal austrickst! Das ist schon unglaublich. Da gibt es die Geschichte der modernistischen britischen Autorin Virginia Woolf, „An Unwritten Novel“, in der die Erzählerin im Zug sitzt und darüber nachdenkt, welche Geschichte die Mitreisende, die ihr gegenüber sitzt, denn haben könnte. So ähnlich ging es mir heute.

Ich bin gerade auf dem Weg nach Mainz, im Zug eingeschlafen und wache ausgerechnet kurz vor St. Goar an der Loreley auf. Unglaublich! Ich mache also die Augen auf und erblicke die Lore. Das ist aber nicht alles. Was ich auch noch erblicke ist ein Zettel, der zu meinen Füßen liegt. Ein zerknüllter Brief. Weil er so direkt für mich hindrapiert zu liegen scheint, hebe ich ihn auf und streiche ihn glatt um ihn zu lesen. So etwas mache ich selten. Mich interessieren die meisten privaten Details anderer Leute nicht. In dem Fall ist es aber anders. Ich kann nicht sagen warum.

Also lese ich den Brief, den ein Lehrer des Kaiserin Friedrich Gymnasiums in Leerte an den Vater eines Zehntklässlers geschrieben hat. Ziel des Briefes ist, den Vater davon zu überzeugen, den Sohn die zehnte Klasse wiederholen zu lassen. Mir kommt das Ansinnen des Lehrers ekelhaft vor. Der Schüler, Moritz, sei „unkonzentriert, oft sehr verträumt“ und lenke sich und andere häufig vom Unterricht ab. In den Augen des Lehrerkollegiums ein Zeichen dafür, dass es Moritz an geistiger Reife fehle. Wie kann man so etwas tun? Ich meine, das schadet doch dem Heranwachsenden! Er verlässt sich auf klare Regeln: Wenn du die Noten hast, wirst du versetzt. Und dann bleibt er doch sitzen!

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Da haben wir doch in Frank Wedekinds „Kindertragödie“ Frühlings Erwachen auch so eine ähnliche Situation. Daran muss ich bei der Lektüre des Briefs denken. Bei Wedekind bringt sich der Schüler am Ende (naja, vor dem letzten Drittel) um. Unter anderem, weil er schulischem Druck ausgesetzt ist. Natürlich auch wegen der ganzen emotionalen Konfusionen, die die frisch durch die Adern strömenden Hormone mit sich bringen. Wie dem auch sei, muss ich also daran denken, weil der Schüler, an dessen Vater der Brief des Klassenlehrers gerichtet ist auch so heißt wie die Figur aus dem Drama: Moritz Stiefel. Verrückt!

Ich hatte in der Schule bei einer Aufführung des gesellschaftskritischen und auch einigermaßen satirischen Stücks Wedekinds mitgewirkt. Pastor Kahlbauch war ich und einer der fürchterlichen, gefühlskalten Lehrer. Das war eine sehr gute und intensive Zeit. Eine sehr wichtige Erfahrung, über die ich hier im Detail nicht schreiben möchte, da sie mir zu wertvoll ist (über die Logik kann man gern diskutieren). Wie ich also so über die Zeit damals nachdenke schlafe ich wieder ein und träume total absurd.

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Ich träume, dass ich nach Mainz nicht fahre, um mir den Kammerchor der katholischen Hochschulgemeinde Gießen unter der Leitung von Ralf Stiewe im Mainzer Dom anzuhören (eine wunderbare Veranstaltung übrigens), sondern dass ich nach Mainz ins Staatstheater fahre, wo die Derniere einer Neufassung des Wedekind-Dramas stattfindet. Ich sitze in der ersten Reihe. Direkt in der Mitte. Die Schauspieler spielen mich manchmal an, und ich freue mich zutiefst, weil die vom Rapper Nuran David Calis besorgte Neufassung des Stoffs das Original ehrt und immer wieder auf es verweist, was für Kenner des Originaltextes ein amüsantes Spiel ergibt. „Glaubst du nicht auch, Melchior, dass das Schamgefühl im Menschen nur ein Produkt seiner Erziehung ist?“ fragt Moritz, noch angezogen in einem der Löcher im Bühnenboden hockend sein Gegenüber. „Darüber habe ich erst vorgestern noch nachgedacht“ entgegnet Melchior, zitiert also das Original um alsgleich den Stil mit einer flapsigen Bemerkung direkt zu kommentieren und zur normalen, unmarkierten jugendlichen Umgangssprache zurückzukehren aber trotzdem genau das zu besprechen, was auch Wedekind seinerzeit diskutierte.

Aber dann geht der Traum mit mir durch. Ich sehe die Schauspieler nackt oder in verrückten Kostümen, die zeitlos wirken sollen. Ich imaginiere mir Namen von Schauspielern, die da mitwirken könnten. Im Gedächtnis sind mir jetzt noch die nasse Martha (die ganze Zeit hockt sie in einem Wassertrog auf der Bühne um manchmal hervorzukriechen und wild ins Publikum zu schreien), die von Tatjana Kästel gespielt wird. Auch grandios Friederike Bellstedt als Frau Bergmann. Die Männer haben aber, das mag am Text liegen, die schwierigeren und vielfältigen Rollen. Melchior, gespielt von Stefan Graf, Moritz (Lorenz Klee), Hänschen Rilow (Thomas Prazak) und Papa Stiefel (Stefan Walz), der im Original der Rentier Stiefel ist, spielen begnadet.

Wie macht man aber so ein Stück wirklich zeitgemäß? Ich stelle mir vor, dass die Jugendlichen Alkopops trinken, dass sie coole Sprüche ablassen, dass sie, was Sexualität angeht, nicht mehr verklemmt sind sondern nur bei Zärtlichkeit und Liebe, dass das Lehrerkollegium ganz anders dargestellt werden müsste oder am besten weggelassen—schließlich sind die Lehrer heute auch so individuell, dass sie keine Klasse von repressiven Idioten mehr bilden können. Und was ist mit den ganzen Szenen, die sich mir bei unserer Aufführung von Frühlings Erwachen so eingeprägt haben?

Die Beerdigung findet nicht statt. Die Masturbationszene von Hänschen Rilow „Die Sache will’s“ läuft ohne Strohballen, dafür mit Staubsauger. Es gibt keinen vermummten Herren mehr. Und aus der Pistole, mit der sich Moritz erschießt, wird ein großer roter Luftballon, den er am Ende so zum Zerplatzen bringt, wie die Melone, die zermatscht auf der weißen Bühne liegt. Sie ist das abgetriebene Kind von Melchior und Wendla, und ein großes klebendes Hindernis nach Ende des Stücks beim Applaus (ja, auch Abtreibungen führen nicht mehr so häufig zum Tod der Schwangeren). Für das Fehlen des vermummten Herren gibt es mehrere triftige Gründe. 1.) Melchior ist schon gegangen. 2.) Es gibt stattdessen Videoprojektionen. Und 3.) … aber das ist auch wieder etwas, was ich nicht erzählen möchte…

Ich träume also von dieser Aufführung. Das beste dabei: Ich stelle mir vor, dass der Regisseur André Rößler ist. Der junge Mann, der das Hänschen in unserer Aufführung gegeben hat. (Masturbation hinter dem Strohballen.) André Rößler, jetzt ein junger, begnadeter und deswegen erfolgreicher Theaterregisseur. Und ich treffe ihn sogar wieder. Nach der Aufführung, am Bühneneingang sehe ich die Schauspieler, die darüber reden, wer sie denn jetzt nackt gesehen habe (eigentlich: „Ganz Mainz kennt jetzt unsere Sch****e“) und André mit Frau und Kind. Alle drei sehen, zusammen sogar noch mehr, gut aus. Es ist ein bisschen komisch mit ihm zu reden. Zu lange haben wir uns nicht gesehen. Was kann und will man da spontan erreichen? Aber doch zu sehen, dass es dem anderen gut geht und dabei ein bisschen an die Vergangenheit erinnert zu werden ist doch schön.

Aber da ist der Traum auch schon zu Ende. Ich wache kurz vor Mainz mit verstreuten Satzfetzen in Hirn auf: „ich will frei sein“, „ich will jemandem unter die Haut gehen“, „ich will dass mir jemand unter die Haut geht“, „das Schamgefühl im Menschen ist Produkt seiner Erziehung“, „Manchmal habe ich das Gefühl, dass mit jedem Jahr das ich älter werde, die Temperatur um mich sinkt“ und „Schließlich hat jeder sein Teil–Sie das beruhigende Bewusstsein, nichts zu haben–du den enervierenden Zweifel an allem.–Leben Sie wohl!“

Den Brief habe ich noch immer in meiner Hand. Ich werde ihn aufheben, auch wenn er gar nicht an mich gerichtet ist sondern an den Vater des toten Moritz.

Der Chor im Dom singt: „Locus iste a Deo factus est, inaestimabile sacramentum, irreprehensibilis est.“ / „Dieser Ort ist von Gott gemacht, ein unschätzbares Geheimnis; er ist untadelig.“

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