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Tag Archives: FAS

FAS-Nachlese: Eckart Lohses “Gender ist längst Mainstream – selbst in der Union”

Zumindest den Kreislauf kann der Mantel der FAS antreiben. Ob das gut oder schlecht ist, sagt die auf Seite 14 interviewte Diätberaterin leider nicht. Die beschränkt sich auf Diäten an sich und auf die Fressereien zwischen Advent und Neujahr.

Eckart “elo” Lohse (ist das etwa der von der Guttenberg-Biographie?) ist so einer. Sein Text (S. 4 in der FAS vom 2. Januar 2011) ist fürchterlich. Warum?

1.) Im Untertitel schreibt er “In der Bundeszentrale für politische Bildung vertritt der Präsident kühne Thesen über Mann und Frau. Kaum jemand regt sich auf.” Ich frage mich: Warum sollte man erwähnen, dass jemand nichts bestimmtes tut (sich aufregt)? Natürlich weil man sich selbst aufregt und das für selbstverständlich oder die zu wünschende Norm hält. Schlecht ist die Überschrift aber nicht unbedingt hinsichtlich der Wertung oder des sehr speziellen persönlichen Bezugs sondern vor allem, weil sie kühne Thesen verspricht, die der Text dann nicht halten kann. Sooooo mau!

2.) Aber welche Thesen hält Eckart Lohse denn für kühn? Es scheint das zu sein, was der nicht-rechtskonservative für gesunden Menschenverstand hält. Lohse schildert einen Vortrag von Thomas Krüger:

… je näher Krüger, ein in der DDR aufgewachsener Sozialdemokrat, der Gegenwart kommt, desto dünner wird das Eis. Erst sagt er, dass in der DDR die Geschlechterunterschiede mit dem “sozialistischen Gleichheitspostulat quasi als überwunden” gegolten hätten. [Schön hier der Konjunktiv II.] Die “beinahe Vollbeschäftigung” von Frauen und die flächendeckende staatliche Kinderbetreuung hätten die in Westdeutschland geführten Debatten über arbeitende Mütter und Selbstverwirklichung im Beruf “obsolet erscheinen” lassen. Kommentarlos erwähnt er, dass die Abtreibung bis zum dritten Schwangerschaftsmonat straffrei gewesen sei, und jubelt schließlich, dass durch die “Posteriorität der Ernährer-Ehe” viele Frauen ihre Männer kurzerhand vor die Tür gesetzt hätten. Wer sich immer noch fragt, ob Krüger die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau im Osten oder im Westen besser fand, bekommt als kleine Interpretationshilfe den Satz nachgereicht: “Der Westen hingegen leistete sich Hausfrauen.”

Bemerkenswert Lohses erster Verweis auf die DDR. Noch bevor er über den Inhalt des von Krüger gehaltenen Vortrags etwas sagt, muss erst einmal klar gemacht werden, dass der hier zu verreißende Sozialdemokrat, also vielleicht so etwas wie der Feind, und noch dazu Dunkeldeutscher sei. Der Rest ist selbstredende politische Haltung, und insofern schlecht, weil nur Rechtskonservative es verstehen. Was an einem Gleichheitspostulat schlimm wäre, erklärt Lohse nicht. Selbst im Grundgesetz (Art. 3, Abs. 2) ist als Ziel vorgesehen, was das Postulat als gegeben ansieht. Lohses Kritik kann also wohl nur in der Idee der tatsächlichen natürlichen Gleichheit von Mann und Frau begründet liegen. Nachdem er auch die Abtreibungsgegner auf seine Seite zu ziehen versucht, macht er noch einmal klar, was sein Problem ist: durch die fehlende Abhängigkeit der Frau als Ehemann vor die Türe gesetzt zu werden–oder kann man das anders verstehen? Wie dem auch sei ist Lohses Text hier besonders misslungen, weil er mit der DDR-Keule schwingt und seine Argumentation nicht erklärt (da scheint keine zu sein).

3.) Äußerst ärgerlich ist die platte Art, mit der Eckart Lohses Text versucht, Thomas Krügers ganz selbstverständliche und zeitgemäße Aussagen in den Augen der Dummen lächerlich zu machen. Gegen blöde Heteronormativität hält Krüger das Argument, dass sich auch heterosexuelle Menschen nicht nur in einer von zwei möglichen Gender-Kategorien sehen. Das überfordert den Text. “‘Bisexuelle, …, Transgender, … Intersexuelle, …’. Da es eine Fachtagung ist, müssen Fachbegriffe her.” Klar, diese verrückten Intellektuellen/Gendertypen mit ihrer irren Sprache! Oder anders unsachlich (zur Reaktion der Bundesregierung): “Überhaupt könnte man das Ganze als Posse abtun, …” Man muss das also nicht ernst nehmen. Überhaupt hat ja der Krüger auch schon einmal Nacktbilder von sich machen lassen. “Eine graue Erscheinung ist er jedenfalls nicht.” Das ist eine ähnliche Masche, wie seinerzeit bei den schwulen Bürgermeistern der großen Städte. Man deklariert sie einfach zur Partymaus und damit als potentiell ungeeignet oder nicht ernst zu nehmen.

4.) Einen ganz abgefuckten rhetorischen Trick erlaubt sich der Text mit der Verwirrung um die Bezeichnung ‘Gender’. Erst wird ‘Gender’ einfach mit ‘Geschlecht’ übersetzt, um alsdann eine kühne These in der Idee zu erblicken, “dass das menschliche Geschlecht nur ein Produkt autoritärer Erziehung und die Norm des heterosexuellen Zusammenlebens von Mann und Frau Ausdruck eines perfiden Repressionssystems sei”. Das würde niemand, der nicht gänzlich unbeleckt von den Gender Studies ist, einfach so behaupten.

Wie gesagt: Den Kreislauf treibt die Lektüre des kleinen konservativen Blättchens schon an. Wenn sie auch den Geist antriebe, wäre es wohl wieder Qualitätsjournalismus. Von dem ist Lohses Text–alas!–weit entfernt.

Illies, Kracht nicht! / FAS-Nachlese: Feuilleton vom 19. Dezember 2010

“Man muss gehen, bevor es kracht”, ist über Nils Minkmars Nachruf auf Florian Illies (FAS 19. Dez. 2010) zu lesen. Das stammt natürlich aus dem Text:

fast hat man den Eindruck, Florian Illies verlasse die Party, bevor es kracht. (Früh zu gehen gehört zu seinen Angewohnheiten. Als er einmal anders entschied. blickte er gegen 22.30 auf die Uhr und schaute erwartungsvoll in die Runde: Würden nun endlich all die Ausschweifungen stattfinden, von denen ihm die Spättrinker immer vorgeschwärmt haben?) [33]

Christian Krachts vollständiger Name taucht nur einmal auf. Einer der immens talentierten Schriftsteller Illies’ Generation sei er. Aber was nun genau der wahrscheinlich kalauernde Verweis auf ihn im Titel soll, das hat Minkmar wohl bei all der Selbstbespiegelung (Natürlich ist der Illies–oder sollte ich sagen “Der Flo”?–ein alter guter Freund und so…) versäumt herauszuarbeiten. Ansonsten so gut zu lesen, wie sein Contra christliche Feiertage “Weg von Spezialeffekten” eine Seite zuvor.

Wir Deutschen sollen noch mehr billige Agitation ertragen / FAS-Nachlese

Der Wirtschaftsteil der letzten FAS, wie häufig, schwer zu ertragen. Der Aufmacher: Holger Steltzners Text über dem tatsächlich “Wir Deutschen sollen noch mehr zahlen” (35) steht. “Wir Deutschen”? “Noch mehr”? “Zahlen”? WTF? Also, erst einmal, lasse ich mich ungern in irgendwelche Gruppen zwingen. Kumpanei mit konservativen, möglicherweise arroganten und eigentlich blöden Stehkragenwirtschaftsleuten? Nein! Das möchte ich mir sparen. Diese billige Anbiederung ist mir zuwider. Die rhetorische Strategie des Titels lässt mich schnell umblättern. Bäh!

Besonders bemerkenswert aber die Werbung. Auf Seite 37 ein Ulrich Wickert mit fürchterlich zerschnittenem Gesichte. Daneben ein Zitat: “…Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele”. Genau! Komisch eigentlich, dass es in der Geschichte der westlichen Philosophie noch kein erstzunehmender Denker zu dieser Einsicht gebracht zu haben scheint. Oder von dem durfte man das Abbild nicht so schrecklich entstellen… Auf jeden Fall frage ich mich jetzt, ob Wickert noch andere Offenbarungen zu verkünden hatte, in dem Brief, der neulich mit der Post kam. Drauf stand “Mädchen haben es noch schwerer… // Bitte nicht knicken: PHOTO // Wichtige Mitteilung von Ulrich Wickert”. Ich hatte angenommen, dass es sich nur um die übliche, rührselig daherkommende, allweihnachtliche Spendenbettelei handeln müsse und den Brief erst geknickt, ungelesen zerrissen und in die Papiertonne verschoben. Vielleicht habe ich so große Wahrheiten verpasst, leichtfertig meine Erleutung verspielt. Darn!

Auch erstaunlich, dass BP ganz vorweihnachtlich daran erinnert (41), dass das Bohrloch seit Juli verschlossen sei. Schöne Farben in der Anzeige. Kein schmieriges Schwarz-Braun. Alles farbenfroh, neon-grün und -rot. Und ich habe tatsächlich überlegt, ob ich das wegen der Montage bei PsD einschicke…

Und Werbung ist auch lehrreicht. So erfährt man beispielsweise auf Seite 43, dass ein gewisser Schauspieler keine Probleme mit dem räumlichen Sehen hat. “Moritz Bleibtreu sieht die Welt bereits dreidimensional.” Herzlichen Glückwunsch, Herr Bleibtreu! Ja, und herzlichen Glückwunsch auch Herr Otto Philipp Braun, 32, zum Aufrücken in den Vorstand des Medizintechnikkonzerns B. Braun Melsungen! Die Meldung dazu direkt neben der Werbung für ein elektrisches Rasiergerät, dass von einer Procter-&-Gamble-Tochter mit dem Namen Braun hergestellt wird. Natürlich denkt jetzt niemand, dass das eine Firma ist, die sich zur Anzeige gleich einen Artikel gekauft hat. Es ist nicht so. Aber die FAS scheint trotzdem ein wenig unglücklich gesetzt zu haben.

Medienrepräsentation von WikiLeaks und Stillosigkeiten bei der ARD / FAS-Nachlese

Nach dem verunglückten Assange-Bashing von Hendrik Ankenbrand im Mantelbogen der FAS vom letzten Sonntag ist das Feuilleton wirklich eine Erholung. Nicht nur dass Medienmann Harald Staun kenntnisreich die irreführende Medienrepräsentation von Wikileaks und den Protesten gegen Zensur gerade rückt. Er schreibt:

Dass viele Medien solche digitalen Provokationen als ‘Angriffe’ brandgefährlicher Cyberkrieger beschreiben, liegt nicht nur an technischer Unkenntnis, sondern auch am klaren Willen, Wikileaks wieder in den Kontext des Verbrechens einzuordnen. Kaum jemand macht sich deshalb die Mühe zu erklären, was eigentlich an den ‘Angriffen’ gefährlich oder kriminell sein soll. ‘Distributed Denial of Service’-Versuche sind sicher keine besonders zivilisierte From der Meinungsäußerung–und trotzdem handelt es sich eher um die zeitgemäße Form eines Sit-ins als um virtuelle Gewalt. (“Daten statt Worte: Wikileaks oder Wie die Medien den Cyberkrieg erfinden”, FAS 12. Dez. 2010: 33)

Nein. Besonders gut: Nils Minkmars Aufmacher “Gerechtigkeit für Anne Will! Warum belohnt die ARD weder Loyalität noch Qualität?”. Klar, weil sie möglicherweise nach dem Bohlen-Prinzip verfährt. Eine Schande! Wills Sendung habe eine Reihe starker Fernsehmomente produziert. Zum Beispiel war da “die Erläuterung von Bischof Franz-Joseph Overbeck zur Homosexualität: ‘Das widerspricht der Natur. Die Natur des Menschen ist angelegt auf das Miteinander von Mann und Frau.’ Ein Satz für die Archive, abgelegt gleich neben solchen Dokumenten, in denen früher Wissenschaftler die unterlegene Natur der Frau oder die geistige Primitivität der Schwarzen darlegten” (ibid., 25). Minkmar fällt auch auf, dass die Frauen in der ARD, der “dysfunktionalen Familie”, offenbar einen schweren Stand haben: “Am Ende der ganzen ARD- Renovierung (sic) haben die Frauen den späten Wochentagsplatz, die Herren talken besonders wertvoll für die wachen Geister. Man möchte nicht, dass das beispielgebend ist”. Stark auch Minkmars letzter Absatz über die “ans Vulgäre grenzende Stillosigkeit” der ARD in dieser Sache.

PS: Minkmar ist auch nicht ganz ironiefrei. Wie er beispielsweise den Moderator des deutschen Franchises eines britischen Game-Show-Formats und eines boulevardesken Reportagemagazins ständig als “berühmt” bezeichnet, lässt zumindest jüngere Leser schmunzeln.

Poke 53280,11; Poke 53281,12; Print chr$(155)

Schon der Mantelbogen der FAS von gestern ist ein großes Ärgernis. Neben den furchtbar geschriebenen Aufhängerartikeln über einen pädophilen Lehrer dann das Assange-Bashing von Hendrik Ankenbrand auf Seite 14. Dieser schreibt: “Assanges Weltsicht kennt keine Grautöne, wie bei seinem ersten Computer, einem Commodore C 64, mit dem er mit 16 Jahren erstmals in ein großes Firmennetzwerk einbrach, gibt es nur 0 und 1, ein und aus, Schwarz und Weiß.” Das ist ja 1.) entweder totaler Quatsch (siehe Überschrift bzw. hier) und stilistisch blöde (Was soll mittels C64-Verweis gesagt werden? Geht es um eine Mystifikation der Figur Assange?) oder 2.) eine verhunztes Synekdoche und damit eine starke Vereinfachung (Alle digitalen Geräte arbeiten mit Binärcode.) und damit genau das, was Assange im nächsten Absatz vorgeworfen wird (Ironie? Ist der Text etwa heimlich auf der Seite Assanges?): Wikileaks sei (vom Text durch einen mutmaßlichen Assange fokalisiert) eine “Cybermassenvernichtungswaffe“, die gegen alles Böse eingesetzt würde. “Er ist ein großer Vereinfacher, das erklärt auch seine Popularität…”. Und diesem fiktiven Assange, der Geistfigur Ankenbrands, möchte man entgegnen: “Käse! Wissen ist höchstens Macht und keine Massenvernichtungswaffe.” Oder: “Wahrheit kann nie schaden.” Oder: “Die Wahrheit triumphiert nie.” Oder: “Die Wahrheit ist eine Braut ohne Aussteuer.” Oder auch einen anderen abgedroschenen Spruch. Für Ankenbrand und die FAS kann man höchstens geltend machen, dass Dichtung ja bekanntlich nur “eine Expedition nach der Wahrheit” ist. … Naja.

Leseempfehlung: “Vor dem Alkoholverbot: Auf ein letztes” von Peter Richter/FAS

Der Alkohol, heißt es, hat den Menschen in der Eiszeit gewärmt, gestärkt und sesshaft gemacht, er hat über Jahrtausende die Lebensmittel haltbarer und das Dasein erträglicher gemacht. Das alles muss er heute nicht mehr; wir haben Heizungen, Kühltruhen und eine Bundeskulturstiftung. [hier]

Grandios konstruierter Essay. Das ist die hohe Kunst.

Cultural Awareness Fail

Weil wir gerade schon bei der sonntäglichen Zeitungsschau sind: Die Maria Riesch ist mit ihrem vermeintlichen Two-Fingered Salute auch in der FAS zu finden…

Rieschs_twofingeredsalute
[Ausschnitt, Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 28. März 2010, 13]

Können Briten kein ordentliches Bier brauen? Chauvinismus in der FAS?

In seinem Text “Höchst zerbrechliches Kulturgut” schreibt Jörg Thomann heute in der FAS über Neuentwicklungen bei Biergläsern in Großbritannien. Komische Textsorte, denn den letzten Satz “Jetzt müssen sie [die Briten] nur noch lernen, ordentliches Bier zu brauen”, kann ich schlecht zuordnen. Glosse oder Chauvinismus?

Joerg_Thomann_Britisches_Bier
[Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 28 Februar 2010, 55]