Ich gebe ja zu, dass ich normalerweise Probleme hätte, mich 450 Seiten bildreicher Prosa hinzugeben. Zu lang. Nicht zeitgemäß. Wahrscheinlich ist das doof. Denn: Bewegt mich der Text, dann atme ich ihn und atme ihn ein und aus, bis er aufgebraucht ist. Und wenn ich merke, was für ein kostbarer Schatz er ist, dann atme ich sogar langsamer und fürchte das Ende des Buchs.
Feridun Zaimoğlu hat vorgestern auf Einladung des Multikulturellen Zentrums in der Tufa in Trier gelesen. Fast eine Stunde. In der Zeit hat er gerade einmal zwanzig Seiten des Romans geschafft. Er hat sich Zeit gelassen, denn der Text hetzt nicht teleologisch zu irgendeinem Finale, sondern feiert das Leben, die Liebe, die Verrücktheiten des Alltags, die Blicke und Anblicke. Man sieht als Leser ondulierte Haarspitzen, die wie abgeschnittene Locken auf Schultern liegen. Man lernt den Unterschied zwischen Schustern und Schuhmachern. Man sieht, wie Leute über zusammengeknüllte nasse Zeitungen stolpern, wie Himbeergeist die Psyche vernebelt. Man riecht und spürt die Seele Prags, die Stimmung eines alten Hauses im Wald. Man fühlt–das ist besonders wichtig–die kleinen magischen Momente in den Leben anderer, die Momente, in denen plötzlich, in all dem Elend und der Traurigkeit, eine Hoffnung, ein Gefühl der Liebe aufkeimt.

Feridun Zaimuğlu im Stuhlkreis vor der Diskussion seines Buchs in der Tufa in Trier.
Man kann das leicht als Schmus abtun. Die Welt sei nicht so. Wir seien alle aufgeklärt, rational. Wir haben eine Karriere und zeigen keine Emotionen weil wir keine haben. Naja, zynisch darf man manchmal sein. Es weint kein einsamer aufgeklärter Mensch nachts in sein Kissen. Es ertränkt kein aufgeklärter Mensch sein Elend im Himbeergeist. Es gibt keine Zwerge. Es gibt keine Liebe. Es gibt kein Glück, weil es sowieso nicht halten würde.
Feridun Zaimoglu ist ein geiler Typ. Er sieht die Schönheit und die Liebe. Er ist romantisch. Die Phrase, nach der die Welt romantisiert werden müsse, schmettert er nicht ab–stimmt ihr auch nicht zu. Warum auch? Die Welt ist schon romantisch. Da gab es z. B. diesen alten Schlägertypen, den er von der Straße kennt, und der in einer Lesung plötzlich vor ihm sitzt und ihm danach erklärt, dass er sich verliebt habe und dabei schmalzige Bilder verwendet, die er sonst als total schwul bezeichnen würde. Die Welt ist romantisch. Da gibt es die Leute, die Zwerge sehen, mit ihnen sprechen. Oder mit Hunden und Katzen. Leute, die sich Clowns auf Schaukeln in das Wohnzimmer hängen, damit sie weniger allein sind. Eigentlich sollten es fast alle Menschen sein, die ein kleines Glück, einen Funken Liebe–ab und zu–in sich spüren. Da sind die beiden obdachlosen Frauen, die ich vor der Tanke herumlungern sehe. Sie haben sehr schlechte Zähne, trinken zu viel, ihre Geschichte ist das beste was sie zu haben scheinen. Aber dann sehe ich, wie sie sich plötzlich küssen. So richtig, mit Zunge, und sich umarmen, festhalten … einen Moment des Glücks im scheinbaren Elend finden (”Und wenn ich solche Leute zeige, sagt ihr mir, ich spinne; die gibt es nicht.”). Es gibt auch die Leute, die vor lauter Aufgeregtheit ständig auf Toilette gehen und verrückte Sachen machen, weil sie nicht wissen, wohin mit ihren Gefühlen.
Wenn Zaimoglu nun diese Leute und ihr Innenleben in grandiose Bilder übersetzt, dann geraten die Zyniker in Abwehrhaltung. Sie verstehen nicht, weil es nicht rational ist, und man doch rational tun soll. Vielleicht denken sie sogar, dass sie rational seien. Vielleicht sind sie sogar rational. Also: tot. Wer weiß?
Nach der Lesung stellt sich Zaimoğlu den Fragen der Zuhörer und Leser. Eine Frau mit Notizblock, die ich für eine Buchhändlerin halte, die aber wohl eher für eine Zeitung arbeitet, wie man mir später erzählt, beklagt, dass sie verwirrt sei, keinen roten Faden in der Geschichte sehe. Zaimoğlu hatte–wie gesagt–20 von 450 Seiten gelesen. Die Art wie sie sich beklagt (ich glaube–bin mir aber nicht sicher–, sie hat die Rezension für die Lokalzeitung geschrieben) macht mir Sorgen. Ich denke mir: “Buchhändlerin, unzufrieden, weiß nicht recht, versteht nicht, will verstehen, nicht fühlen”. Ein anderer denkt: “Frau, ich möchte dir in die Fresse hauen. … Hast du je etwas gefühlt? Bist du schon ganz tot?”
Zaimoğlu gibt eine nette Antwort (Die Frau nickt einem Begleiter zu. “Dem habe ich’s aber gezeigt”, scheint sie ihm zu sagen.). Er verliert eher einen Wortwechsel, als einen Besucher bloß zu stellen–das wäre sehr einfach gewesen. Vielleicht liegt es an der guten Kinderstube. Vielleicht ist das eine Bedingung für erfolgreiche Lesereisen. Es gibt Autoren, die an bestimmten Orten nicht mehr auftreten dürfen, weil sie in Diskussionen billige Triumphe über blöde Zuhörer gefeiert haben…
Nach der Lesung, Diskussion und dem Signieren von Büchern geht Zaimoğlu mit ein paar Leuten in eine Trierer Kneipe. Auch dort geht die Diskussion weiter. Sehr ehrlich, sehr interessant, manchmal sachlich, aber meist ehrlich (!). Ein wahnsinnig interessanter und bereichernder Abend.
Traurig ist nicht nur, dass es so viele tote Menschen zu geben scheint. Traurig ist auch–für Trier–, dass es nicht mehr Interesse an hochkarätiger und überwältigend guter und schöner deutsche Gegenwartsliteratur gibt. Die Lokalzeitung hatte im Vorfeld nur ein paar Zeilen für die Veranstaltung übrig und berichtete lieber über Asterix und Obelix. Dabei gäbe es doch gerade in Trier so viel über Zaimoğlu zu schreiben. Hier wurde er einmal aus seiner eigenen Lesung (in einer Schule) geschmissen… Aber vielleicht hat der Trierische Volksfreund einfach nur die Pressemappe versemmelt. Wer kann das schon sagen?
Ich freue mich auf die nächste Buchmesse, wo ich Feridun Zaimoğlu bestimmt wieder hören werde. Ich freue mich auf die Lektüre seiner Texte. Ich freue mich, dass ich einen so schönen Abend mit deutscher Literatur und mit einem ehrlichen, lebendigen und wahnsinnig sympathischen Autor haben durfte, der einen tatsächlich nicht dumm wirken lässt, wenn man doch noch etwas empfindet…
Feridun Zaimoglu, Hinterland (Köln: Kiepenheuer, 2009). 442 Seiten, 19,95€.