
In dem Traum, den ich von dir habe, sitzt du auf einem alten Eisenrohrstuhl auf der Grundplatte eines abgerissenen Hauses. Man kann die Spuren der Mauern erkennen, die früher einmal einen Raum um dich herum gebildet hätten. Das einzige, was noch intakt scheint, in diesem weggerissenen Raum, in diesem weggerissenen Haus, ist ein grauer alter Berliner Kachelofen, den man wohl zum Spaß hat stehen lassen. Du sitzt da auf diesem Eisenrohrstuhl, dessen Beine mit schwarzer Plastik überzogen sind, die Endkappen an den Füßen fehlen, der Bezug ist rotes Kunstleder. Ein Stuhl aus einem DDR-Lehrerzimmer. Obwohl die meist eckiger waren und mit Stoff bezogen, ganz weich und eher gelb oder beige oder in einem eigenartigen Popelgrün, wenn es doch nicht so ein schweres Rot sein sollte. So ein schweres Rot, wie es immer in diesen Andachtsräumen gab, in Pionierzimmern oder öffentlichen Einrichtungen. Du sitzt da auf diesem Stuhl, den jemand da gelassen hat, weil die Endkappen fehlen und der sowieso am neuen Ort nur den Fußboden kaputt macht und starrst auf die gegenüberliegende Wand. An die hat jemand, um die Einrichtung des weggerissenen Zimmers zu verbessern, ein Aquarium gemalt. Ein abgerundetes Rechteck, mit sonnenblumengelbem Wasser gefüllt, schwimmen in ihm drei bunte Fische. Sie kucken teilnahmslos durch neongrünen Bewuchs. Die Wand gehört zum angrenzenden Haus. Es wird auch irgendwann abgerissen werden müssen, wie alles hier. Die ganze Anlage wird irgendwann eine Brachfläche sein, die wieder auf Industrie oder Menschen warten wird. Jetzt steht noch die Hälfte der Gebäude, die von Straßen-Malern besucht werden oder von Fotografen auf der Suche nach dem morbiden Scharm von Abrisshäusern. Du sitzt da, auf deinem Stuhl, hinter dir der Ofen. Du blickst auf dein Aquarium. Ich sehe mich um, sehe den sandgrauen Putz der noch stehenden Häuser, der manchmal von herausragenden alten Nägeln oder alten Rohren rostbraun gefärbt wird. Unter mir eine einfache Betonfläche, mit vielen Rissen, mit Reihen von Klinkersteinen, die die Spuren der alten Mauern sind. Ein paar Meter weiter ist so etwas wie eine Tiefgarageneinfahrt. Nein, es ist keine Einfahrt, es ist ein breiter Eingang. Das Haus um ihn herum, falls da einmal eins gewesen ist, ist verschwunden. Der Eingang ist offen. In ihm eine Treppe, die nach unten führt. Ich stehe am Eingang und überlege, hinunter zu gehen, um zu sehen, wie es dort aussieht. Das Treppenhaus ist mit alten, ehemals blaugrünen Kacheln gefliest, die jetzt jedoch von einem schmierigen gelbbraunen Film überzogen sind. Auf der Treppe liegen ein paar Betonsplitter. Weit nach unten kann man nicht sehen, da der Weg nach einigen Metern nach links ins Dunkle abbiegt. Als ich gerade hinunter gehen möchte, höre ich deine Stimme. “Komm, lass uns gehen. Weg von hier.” Du hast dein schwarzes Trägerhemd ausgezogen, das du eben noch über der fliederfarbenen Bluse hattest. Du packst mich unterm Arm und ziehst mich Richtung Hausdurchgang, über den wir auf das Gelände gekommen waren. Vorbei an unserem Wohnzimmer, in dem noch immer die Fische trübe kucken, in dem noch immer der Ofen heizt und in dem du immer noch sitzt. Du oder eine andere Version von dir, eine, die das schwarze Trägerhemd noch über der Bluse trägt, eine, die immer noch auf die Fische schaut und die gar nicht gemerkt hat, dass ich zu diesem Eingang in den Keller gegangen bin oder dass wir beide jetzt von hier verschwinden. Wer ist sie, die dort sitzt? Bist du das, die du mich gerade zum Ausgang zerrst? Bin ich das? Oder wir?