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Category Archives: Glossiert/Fiktional

Frühlings Erwachen im Sommer

Wie die Wahrnehmung einen manchmal austrickst! Das ist schon unglaublich. Da gibt es die Geschichte der modernistischen britischen Autorin Virginia Woolf, „An Unwritten Novel“, in der die Erzählerin im Zug sitzt und darüber nachdenkt, welche Geschichte die Mitreisende, die ihr gegenüber sitzt, denn haben könnte. So ähnlich ging es mir heute.

Ich bin gerade auf dem Weg nach Mainz, im Zug eingeschlafen und wache ausgerechnet kurz vor St. Goar an der Loreley auf. Unglaublich! Ich mache also die Augen auf und erblicke die Lore. Das ist aber nicht alles. Was ich auch noch erblicke ist ein Zettel, der zu meinen Füßen liegt. Ein zerknüllter Brief. Weil er so direkt für mich hindrapiert zu liegen scheint, hebe ich ihn auf und streiche ihn glatt um ihn zu lesen. So etwas mache ich selten. Mich interessieren die meisten privaten Details anderer Leute nicht. In dem Fall ist es aber anders. Ich kann nicht sagen warum.

Also lese ich den Brief, den ein Lehrer des Kaiserin Friedrich Gymnasiums in Leerte an den Vater eines Zehntklässlers geschrieben hat. Ziel des Briefes ist, den Vater davon zu überzeugen, den Sohn die zehnte Klasse wiederholen zu lassen. Mir kommt das Ansinnen des Lehrers ekelhaft vor. Der Schüler, Moritz, sei „unkonzentriert, oft sehr verträumt“ und lenke sich und andere häufig vom Unterricht ab. In den Augen des Lehrerkollegiums ein Zeichen dafür, dass es Moritz an geistiger Reife fehle. Wie kann man so etwas tun? Ich meine, das schadet doch dem Heranwachsenden! Er verlässt sich auf klare Regeln: Wenn du die Noten hast, wirst du versetzt. Und dann bleibt er doch sitzen!

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Da haben wir doch in Frank Wedekinds „Kindertragödie“ Frühlings Erwachen auch so eine ähnliche Situation. Daran muss ich bei der Lektüre des Briefs denken. Bei Wedekind bringt sich der Schüler am Ende (naja, vor dem letzten Drittel) um. Unter anderem, weil er schulischem Druck ausgesetzt ist. Natürlich auch wegen der ganzen emotionalen Konfusionen, die die frisch durch die Adern strömenden Hormone mit sich bringen. Wie dem auch sei, muss ich also daran denken, weil der Schüler, an dessen Vater der Brief des Klassenlehrers gerichtet ist auch so heißt wie die Figur aus dem Drama: Moritz Stiefel. Verrückt!

Ich hatte in der Schule bei einer Aufführung des gesellschaftskritischen und auch einigermaßen satirischen Stücks Wedekinds mitgewirkt. Pastor Kahlbauch war ich und einer der fürchterlichen, gefühlskalten Lehrer. Das war eine sehr gute und intensive Zeit. Eine sehr wichtige Erfahrung, über die ich hier im Detail nicht schreiben möchte, da sie mir zu wertvoll ist (über die Logik kann man gern diskutieren). Wie ich also so über die Zeit damals nachdenke schlafe ich wieder ein und träume total absurd.

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Ich träume, dass ich nach Mainz nicht fahre, um mir den Kammerchor der katholischen Hochschulgemeinde Gießen unter der Leitung von Ralf Stiewe im Mainzer Dom anzuhören (eine wunderbare Veranstaltung übrigens), sondern dass ich nach Mainz ins Staatstheater fahre, wo die Derniere einer Neufassung des Wedekind-Dramas stattfindet. Ich sitze in der ersten Reihe. Direkt in der Mitte. Die Schauspieler spielen mich manchmal an, und ich freue mich zutiefst, weil die vom Rapper Nuran David Calis besorgte Neufassung des Stoffs das Original ehrt und immer wieder auf es verweist, was für Kenner des Originaltextes ein amüsantes Spiel ergibt. „Glaubst du nicht auch, Melchior, dass das Schamgefühl im Menschen nur ein Produkt seiner Erziehung ist?“ fragt Moritz, noch angezogen in einem der Löcher im Bühnenboden hockend sein Gegenüber. „Darüber habe ich erst vorgestern noch nachgedacht“ entgegnet Melchior, zitiert also das Original um alsgleich den Stil mit einer flapsigen Bemerkung direkt zu kommentieren und zur normalen, unmarkierten jugendlichen Umgangssprache zurückzukehren aber trotzdem genau das zu besprechen, was auch Wedekind seinerzeit diskutierte.

Aber dann geht der Traum mit mir durch. Ich sehe die Schauspieler nackt oder in verrückten Kostümen, die zeitlos wirken sollen. Ich imaginiere mir Namen von Schauspielern, die da mitwirken könnten. Im Gedächtnis sind mir jetzt noch die nasse Martha (die ganze Zeit hockt sie in einem Wassertrog auf der Bühne um manchmal hervorzukriechen und wild ins Publikum zu schreien), die von Tatjana Kästel gespielt wird. Auch grandios Friederike Bellstedt als Frau Bergmann. Die Männer haben aber, das mag am Text liegen, die schwierigeren und vielfältigen Rollen. Melchior, gespielt von Stefan Graf, Moritz (Lorenz Klee), Hänschen Rilow (Thomas Prazak) und Papa Stiefel (Stefan Walz), der im Original der Rentier Stiefel ist, spielen begnadet.

Wie macht man aber so ein Stück wirklich zeitgemäß? Ich stelle mir vor, dass die Jugendlichen Alkopops trinken, dass sie coole Sprüche ablassen, dass sie, was Sexualität angeht, nicht mehr verklemmt sind sondern nur bei Zärtlichkeit und Liebe, dass das Lehrerkollegium ganz anders dargestellt werden müsste oder am besten weggelassen—schließlich sind die Lehrer heute auch so individuell, dass sie keine Klasse von repressiven Idioten mehr bilden können. Und was ist mit den ganzen Szenen, die sich mir bei unserer Aufführung von Frühlings Erwachen so eingeprägt haben?

Die Beerdigung findet nicht statt. Die Masturbationszene von Hänschen Rilow „Die Sache will’s“ läuft ohne Strohballen, dafür mit Staubsauger. Es gibt keinen vermummten Herren mehr. Und aus der Pistole, mit der sich Moritz erschießt, wird ein großer roter Luftballon, den er am Ende so zum Zerplatzen bringt, wie die Melone, die zermatscht auf der weißen Bühne liegt. Sie ist das abgetriebene Kind von Melchior und Wendla, und ein großes klebendes Hindernis nach Ende des Stücks beim Applaus (ja, auch Abtreibungen führen nicht mehr so häufig zum Tod der Schwangeren). Für das Fehlen des vermummten Herren gibt es mehrere triftige Gründe. 1.) Melchior ist schon gegangen. 2.) Es gibt stattdessen Videoprojektionen. Und 3.) … aber das ist auch wieder etwas, was ich nicht erzählen möchte…

Ich träume also von dieser Aufführung. Das beste dabei: Ich stelle mir vor, dass der Regisseur André Rößler ist. Der junge Mann, der das Hänschen in unserer Aufführung gegeben hat. (Masturbation hinter dem Strohballen.) André Rößler, jetzt ein junger, begnadeter und deswegen erfolgreicher Theaterregisseur. Und ich treffe ihn sogar wieder. Nach der Aufführung, am Bühneneingang sehe ich die Schauspieler, die darüber reden, wer sie denn jetzt nackt gesehen habe (eigentlich: „Ganz Mainz kennt jetzt unsere Sch****e“) und André mit Frau und Kind. Alle drei sehen, zusammen sogar noch mehr, gut aus. Es ist ein bisschen komisch mit ihm zu reden. Zu lange haben wir uns nicht gesehen. Was kann und will man da spontan erreichen? Aber doch zu sehen, dass es dem anderen gut geht und dabei ein bisschen an die Vergangenheit erinnert zu werden ist doch schön.

Aber da ist der Traum auch schon zu Ende. Ich wache kurz vor Mainz mit verstreuten Satzfetzen in Hirn auf: „ich will frei sein“, „ich will jemandem unter die Haut gehen“, „ich will dass mir jemand unter die Haut geht“, „das Schamgefühl im Menschen ist Produkt seiner Erziehung“, „Manchmal habe ich das Gefühl, dass mit jedem Jahr das ich älter werde, die Temperatur um mich sinkt“ und „Schließlich hat jeder sein Teil–Sie das beruhigende Bewusstsein, nichts zu haben–du den enervierenden Zweifel an allem.–Leben Sie wohl!“

Den Brief habe ich noch immer in meiner Hand. Ich werde ihn aufheben, auch wenn er gar nicht an mich gerichtet ist sondern an den Vater des toten Moritz.

Der Chor im Dom singt: „Locus iste a Deo factus est, inaestimabile sacramentum, irreprehensibilis est.“ / „Dieser Ort ist von Gott gemacht, ein unschätzbares Geheimnis; er ist untadelig.“

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Göttliches aus dem Briefkasten

Manche Physiker bezweifeln ja, dass Moses auf den Gesetzestafeln die zehn Gebote erhalten hätte. Das wäre furchtbar ineffizient, da sich das Göttliche doch leichter und eleganter ausdrücken ließe. So z. B.:

Maxwell-Gleichungen in differentieller Form + Materialgleichungen

Oder auch so, wenn man die Integralform mehr liebt. (Ja, und es ist auch Genesis und nicht Exodus.)

Ob Moses nun also die Maxwellschen Gleichungen oder die zehn Gebote erhalten hat, ist mir eigentlich Wurst, denn das Göttliche kam gestern zu mir per Post. Da ist es:

MLA Handbook, seventh edition

Amen!

Liste von Autoren (von denen ich nur einen kenne) und ihren aktuellen Büchern (von denen ich keines gelesen habe)

  • Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten (Carl Hanser Verlag)
  • Reinhard Jirgl: Die Stille (Carl Hanser Verlag)
  • Daniel Kehlmann:* Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (Rowohlt Verlag)
  • Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff (Suhrkamp Verlag)
  • Andreas Maier: Sanssouci (Suhrkamp Verlag)
  • Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers (Piper Verlag)

* Den kenne ich. Der hat einen starken Ösi-Akzent und wird selten vorteilhaft im Bild dargestellt (Bei der Zeitungswerbung für Ruhm ist das gelungen.). Eine männliche Judith Hermann.

Bin schon gespannt auf das Vorstellungs-Battle zur einzig wahren Buchmesse, bei der in diesem Jahr wohl viel weniger los sein soll. Der Spiegel hat keinen Stand? WFT? Dabei brauche ich doch einen neuen Spiegel-Notizblock.

;-)

Liebe LVB,

ich habe mich gerade wahnsinnig über euch geärgert und finde euch von nun an–das ist ein Schwur–nur noch Scheiße. In alle Ewigkeit. So wahr euch eure Schienen rosten.

Von wegen akute Wetterlage! Akute Unfähigkeit würde ich es nennen. Warum muss ich denn auf die 0:07-Uhr-Neun am Bayerischen warten, wenn sie doch nicht kommt? Bei fast 12 °C minus so etwas? Und dieses höhnische “wir lassen Sie nicht im Regen stehen”, das man minutenlang in der Warteschleife der Service-Hotline der LVB (19449) zu hören bekommt (ohne dass jemals jemand ran geht), das könnt ihr euch auch in euren Stümperarsch schieben! Ich bin sauer und werde in Zukunft lieber schwarz fahren, als euch nur einen einzigen Cent zukommen zu lassen! Und wenn ich nicht schwarz fahre, dann kaufe ich mir Wanderschuhe und wander regelmäßig von Thonberg bis nach Lindenau. Und weil euch das bestimmt noch mehr ärgert, wander ich zukünftig auch von Schönefeld nach Markkleeberg und zurück (auch wenn ich da gar nichts will). Jeden Dienstag. Und wenn es die Chance gibt, gemeinschaftlich auf eure Bahnen Schneebälle zu werfen, werde ich an vorderster Front stehen.

Ist es denn so schwer, die Haltestellenanzeige aktuell zu halten? Wenn man keine Bahn einsetzen kann oder will, dann kann man das den Fahrgästen doch zumindest mitteilen. Nicht?

Herzliche Grüße von jemandem, der euch im nächsten Semester dem Sockelbetrag aufkündigen wird.

:-P

Horatiorama

Der Planet der Affen…

beginnt im Pongoland. Ich habe schon immer befürchtet, dass die sich irgendwann gegen die Menschen verschwören würden. Schließlich sind die MPI-Affen bestimmt besonders intelligent.

Aufs Grün gezielt

Jetzt ist sie leer, die Tüte. Hat lecker geschmeckt. Ja, Haribo eben. Damals beim Einkleiden haben wir sie bekommen. Überall hatte ich sie dabei: Horn von Afrika, im Kosovo und in Afghanistan. Ganz unten in der Tasche lag sie. Erst als Mitbringsel für leidende Kinder. Dann vergessen. Auf dem Bahnhof von Zwickau habe ich sie dann aufgerissen und geleert. Gummibärchengenozid gelungen.

To Be or not to Be a Computer at the Datenschutzgipfel


[Screenshot]

Die Tagesschau zeigt einen Bericht von Wolfgang Wanner über den Datenschutzgipfel und illustriert das unter anderem mit einem Computer, der sich ständig selber pingt. Es kann sich dabei nur um eine subtile Kritik in Zeiten der Meinungsmache (siehe den aktuellen Skandal um Putin-Roth-Interview) handeln. Da steht zwischen all diesen Politikern, die über Datenschutz und -sicherheit reden ein kleiner Computer, der sich mit der eigenen Ontologie beschäftigt. Ein Kind, dass noch nicht weiß, dass es ist, was es ist und vor allem wie schnell es ist (<1ms). Ach! Es blutet einem das Herz.

Das Drei(-kippelige)-Säulen-Modell der Leipziger CSD-Woche

Pride Season ist ist nicht nur in Köln oder Berlin, sondern auch in Leipzig. Das Schöne an Leipzig: Man möchte auch politisch und kulturell sein. Dafür gibt es viel Beifall, und die Veranstaltung sind bis zum Anschlag mit Aktivisten gefüllt, wie man bereits ganz am Anfang, am Samstag bei der “Queeren CSD-Eröffnungsparty mit DJane Claudia K.” in der Frauenkultur in der Windscheidstraße erleben konnte. Massenhaft strömte man nach Connewitz um zu tanzen und gleichzeitig für die gute Sache … §$%&/ kratz )%/$” spring &$§)%) …

[Huch! Da stehen ja nur ein paar Leute vor dem Haus (und es ist keine Warteschlange). Öh hm?]

[Huch! Da ist ja auch kaum jemand im Haus (Hängen da etwa Aquarelle?). Öh hmhm?]

Ja, war irgendwie ziemlich leer dort in der Windscheidstraße. Ein paar Frauen, die zur Stammbelegschaft zu gehören schienen. Ein junger Mann mit Partei-Name-Badge stolperte auch noch durch die Anlage. Ansonsten war es das. War es das wirklich? Ja.

Ich möchte wetten, dass zum großen Pride-Ball eine Woche später die Kongresshalle am Zoo proppenvoll sein wird. Und über diesen anzunehmenden Umstand könnte ich mich wieder aufregen. Tue es aber nicht, sondern lese die Pressemitteilung Nummer 001, in der “das bewährte Konzept mit den drei Säulen Politik, Kultur und Party” gelobt wird. Irgendetwas scheint mir daran nicht zu stimmen. Irgendwas steht da schief. Selbst die Partysäule scheint nur dann nicht zu kippeln, wenn man sie mit genug Trash oder “knackig rattigen Terrorschwestern” unterfüttert. Autsch!

Polizistenbeleidigung als letzte Rettung?

Der neue Polizeipräsident Horst Wawrzynski wolle, laut Mephisto, stärker gegen Beleidigungen von Polizisten vorgehen. Jedes Schimpfwort gegenüber Polizisten solle zukünftig zur Anzeige gebracht werden. Ist man nicht ganz doof, weiß man, dass diese Ankündigung und auch die Praxis so destruktiv ist, wie die Entfernung der Namensschilder in Parks rumprügelnder oder Pfeffergas versprühender Polizisten: Das alles entfernt den Polizisten von dem, dem er dient und den er schützen soll. Man stelle sich einmal vor, jeder in Schulen geplagte Lehrer würde alle Ausfälle der Schüler zur Anzeige bringen! Unterrichten wäre in Deutschland nicht mehr möglich. Aber vielleicht hat es ja auch etwas Gutes. Wenn man beispielsweise eine Meute randalierender Menschen vor einer Billigdisko sieht und die Polizei nur daneben steht, und der Sachbeschädigung untätig zuschaut, gar toleriert, dass Menschen in der Einrichtung zusammengeschlagen werden, dann hilf es vielleicht, und der einzelne Bürgerdiener in grün lässt sich zum Handeln motivieren, indem er beleidigt wird. Also: “Wirst du erschossen und der Polizist kuckt nur zu, beleidige ihn und gerettet wirst du”—oder so.

[Satirische Symbolcollage mit Browserscreenshot von Youtube.]

5:4 im Wartezimmer

Kati meint, dass die großen Serviceunterschiede zwischen Privat- und Kassenpatienten in Leipzig–ich erzählte ihr vom ersten Anruf bei meiner Orthopädin (privat:nächste Woche, Kasse:in drei Monaten)–daher kämen, dass so wenige Menschen hier privat versichert seien, was mir sofort einleuchtete. Auch hier ein Art Almendeproblem. In Leipzig warten jedoch nicht nur Privatversicherte noch nicht, sondern auch die Vertreter der Pharmaunternehmen. Zumindest ist das bei meiner Hausärztin so, auch wenn sie sie nicht sofort ins Sprechzimmer ruft. Am Montag stand es bei Frau Z. in der Kochstraße 5:4. Also fünf wartende Patienten vs. vier wartende Pharma-Vertreter. Zwei von denen, eine Dame, die mir das ideale Bild zum Eintrag “ungainly” in einem Bildwörterbuch des Englischen zu sein schien, und ihre Kollegin, eine aufgetakeltes Schiff, gehörten zusammen und entschieden sich für die mittlere Variante einer Reihe möglicher Vorgehensweisen in gefüllten Wartezimmern: die Mittelschnelle, bei der man die Ärztin vor dem Sprechzimmer abfängt und ihr fünf Minuten nimmt. Ein Herr, der mit seinem Subsubnotebook neben mit sitzend “zauberte” (so nannte das die recht formlose Dame)–ja, man kennt sich gut in der Szene–hatte sich indes für die lange Variante entschieden: Er würde es aussitzen bis er an die Reihe kam. Der letzte, ein Typ vom Schlage eines Agraringenieurs, kam zuletzt, entschied sich für den schnellen Weg, indem er nur eine Broschüre hinterließ, und eile alsbald, seine Kollegen kaum gewürdigt habend wieder davon. Vier von neun hatten also die Wahl. Der Rest saß bis zum bitteren Ende.

Sausen

Da bekommt man beim Lesen dar Mephisto-News ja echt das Muffensausen: da wird ein Nachtbus in Leipzig kurz und klein geschlagen, in Grünau sticht man sich mit Messern und Großsympath und Leipziger Claus Weselsky löst den scheidenden Manfred Schell an der Spitze der GDL ab.

Axel-Dutschke-Koch in Berlin

Na, das ist doch mal was: Da hat man eine Straße schon vor längerer Zeit zur Axel-Springer-Straße gemacht, weil dort die Menschen im Springer-Verlag anliegen, und nun ziehen andere nach und lassen einen Teil des Kochs sausen, um es dem Rudi Dutschke zu widmen. Geile Sache, weil sich nun auch die Widersacher im Straßenbild gegenüber stehen. Vielleicht wird man sich in Zukunft wundern, wie es dazu kommen konnte, dass man beide hier auf Namenebene gleichsetzt und ähnlich würdigt. Meines Erachtens werden Täter und Opfer selten so zusammen gebracht (Weitere Info in Wort und Bild beim Sender, den ich ab und an DDR2 nenne.).

Buchmessenlogbuch | Tag 4

Volker Strübing bestätigte gestern die Einschätzung zur Buchmessenbratwurst. Sie sei frittiert, nicht gebraten und deshalb nicht zu empfehlen. Überhaupt war auf der Buchmesse so einiges wahres und gutes zu hören und zu sehen. Einige Impressionen.

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Volker Strübing liest aus seinem Buch Ein Ziegelstein für Dörte.

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Nach einer sehr musikalischen Comic-Buch-Vorstellung mit Harald “Sack” Ziegler entfernt Leo Leowald das Hintergrundposter.

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Ahne liest in der Ausbild-Bar.

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Winfried Glatzeder bei einem seiner vielen Gespräche zu seiner Autobiographie.

Top/Flop/Tipp für Sonntag, 16. März.

Top: 14 Uhr – 14.30 Uhr: Clemens Meyer auf dem Blauen Sofa.

Flop: Manche Leipziger kennen Burkhard Jung nur als das Gesicht der Stadtwerke-Verkaufs-Kampagne. Kaum einer weiß, dass er Oberbürgermeister dieser Stadt und geübter Vorleser ist. Griseldis Wenner, Dieter Bellmann und Sebastian Krumbiegel kennen sicher noch viel weniger Menschen. Aber auch sie können vorlesen. Ihre Fähigkeiten nutzen die vier heute für einen guten Zweck: Sie lesen Kindern etwas vor. 11 Uhr – 12 Uhr, Lesebude 2, Halle 2, Stand G304.

Tipp: Ein typischer Berliner Lesebühnenmensch ist Falko Hennig. In Leipzig kennt man ihn, wenn überhaupt, nur von seinem Buch Radio Hochsee. Und weil nicht nur die Hauptstadt ihn kennt sondern auch er die Hauptstadt, erzählt er morgen etwas über diese. 10:30 Uhr -11 Uhr, Sachbuchforum Halle 2, Stand K203, Lesung mit Präsentation.

[Dieser Beitrag wird zeitgleich bei Heldenstadt veröffentlicht und kann dort kommentiert werden.]

Ab nächstem Jahr wieder durchatmen

Keine verfetteten, stinkigen Achtklässler in abgewetzten Clan-T-Shirts mehr! Dann nämlich nur noch dunkel gekleidete mit Pogostemonöl beträufelte Süddeutsche vom Dorfe, die zwischen Agra und Zentrum pendeln und so die 10/11 unbrauchbar machen; und, natürlich, die Bachfest-Japaner, die beim Fotografieren der Obststände Trauben bilden, in die man dann rennt, wenn man mal schnell zum Fahrkartenautomat auf dem Markt möchte.

Einige Stichworte zu 008

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Der Euro ist der neue Dollar

Ja klar, man munkelt schon eine Weile auf der anderen Seite des großen Teichs “the euro is the new dollar”. Und das mag stimmen. Top-Thema also im nächsten Jahr. Und wenn der Wertverfall des US-Dollars so weitergeht, dann kann ich alles bei Amazon.com bestellen, mir direkt ins Haus kommen lassen, und es ist trotz Mindestlohns für Briefzusteller immer noch billiger, als selbst aus dem Haus zu gehen und im Laden um die Ecke zu kaufen.

Rauchverbot

Wenn man aber dann doch aus dem Haus geht, dann ist man besser vorsichtig, da ja überall die aus den “Gaststätten” verbannten Raucher herumstehen und die Umwelt zuquarzen. Früher wurde der ganze Feinstaub direkt durch die Lungen des Thekenpersonals gefiltert. Jetzt muss man als Passant diesen Job erledigen. Wenigstens wird es aber schön warm draußen. Im Sommer ist Klimawandel und für den Winter haben wir die Heizpilze.

Innere Sicherheit

Alles wird sicher. Hofft man. Auch wenn es viele Freiheiten kostet. Das ist auch sicher.

OBM vs. Bevölkerung

Au ja, mein sehr geschätzter Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung. Der wird seine Linie wohl durchsetzen. Da wird in der Jahresendansprache Werbung gemacht für sein großes Projekt, im Amtsblatt, in der Mieterzeitschrift des kommunalen Wohnungsunternehmens. Überall tritt der Mann, der sich gern als Diener des Stadtrats und Freund des Bürgers darstellt, als Werber für die sehr eigene Ansicht auf, dass man doch endlich mal das Tafelsilber verscherbeln sollte. Wahrscheinlich steht Herr Jung auch gerade vor–auch was sag ich: im–Bäckerladen um die Ecke und quatscht Einkaufende an. Mich soll’s nicht stören. Wegen Dollar-Verfall etc. muss ich da ja nicht mehr hin. Zum Bürgerentscheid muss ich wohl aber trotzdem aus der Bude.

Semesterticket

Großer Skandal. Jaja. Die Studierendenschaft an der Uni Leipzig entscheidet dagegen. Also gegen das, was es jetzt neu geben sollte. Ein Pflichtticket für alle, ziemlich teuer sogar, wie ich finde. Aber ich fahre ja Rad. Habe mich selbst der Stimme enthalten, da ich wegen der Pendelei vom Ticket profitieren würde aber trotzdem dagegen bin.

Mal sehen, was passieren wird. Die LVB bekämen dann den Sockelbeitrag nicht mehr, Studierende aus dem Umland würden sich den Zuzug nach Leipzig auch sparen können (spart die Stadt auch noch den Bonus), brillante Leute mit 1,0er Abi, die sich nicht leisten können, z. B. in Bayern zu studieren, würden es sich auch bei Leipzig stärker überlegen müssen (aber das Problem löst sich ja im Herbst 2009, wenn der Ehemann der Tunnelfee in Dresden genug Sitzfleisch hat)… Also, Moment! Das heißt ja, dass die LVB, die der Stadt gehören, mehr Kohle durch die Tickets bekommen (zumindest, wenn das Wetter schlecht ist oder man ein paar Radfahrer im Park überfällt oder so), gleichzeitig spart sich die Stadt den Zuzugsbonus und Kohle für die freie Szene. Denn, wo keine Studenten (vor allem abends nicht), da auch wenig Kultur–behaupte ich. Das klingt nach dem finanziellen Polster, das die Stadt bräuchte, falls man doch die Stadtwerke nicht teilverkaufen darf. Denn verplant ist es wohl schon.

Knut

Man glaubt es nicht, da denkt man, man hätte Ruhe vor dem Vieh–gerade wo der doch irgendwie gar nicht mehr so schön anzuschauen ist (Irgendwie sieht der doch schmutzig aus, oder?)–und dann wählt man ihn als Maskottchen für die UN-Naturschutzkonferenz im Mai. Äks!

Geselligkeit

Ja, und dann werden Menschen in diesem Jahr auch z. B. dreißig. Ob, wann und wie das gefeiert wird, kann man noch nicht sagen. Mal schauen. Was man aber weiß ist, dass dieses Jahr der 1. Mai auf einen ersten. Nein, dass Christi-Himmelfahrt auf den ersten Mai fallen wird. Zum ersten Mal. Das heißt: Demonstration die Adolf Südknecht bist runter zum Kreuz. Aber morgens schon volltrunken.

Zum ersten Mal gibt es 008 dann auch Andreas Keppler und Eva-”Ist das nicht dem Assauer seine Frau aus der Bierreklame?”-Saalfeld. Damit gibt es dann also auch sowas wie einen Thüringer Tatort. Also wegen des Namens. Aber was ist denn dann mit Keppler–bei diesen sprechenden Namen? Der kam doch aus Weil der Stadt, und hatte ein P weniger. Aber vielleicht ist das auch Humbug. Hauptsache die neuen sind nicht so öde wie die alten. Aber da müsste man sich ja arg anstrengen. Anstrengung aber muss man beim Heimatsender nicht befüchten.

Serverumzug

Steht auch irgendwann auf dem Plan. Hier wird wahrscheinlich einiges den Bach runter gehen. Aber Herr Schäuble stellt mir bestimmt sein Backup zur Verfügung. ;-)

In diesem Sinne, auf ein gutes neues Jahr!

Denn auch Herr Jung…

…ist ein lupenreiner Demokrat. Zwar fand ich das Interview mit unserem Oberbürgermeister im LF (Ich mache dem Stadtrat nur einen Vorschlag…) und auch die Nutzung des Leipziger Amtsblatts für die Zwecke des Stadtwerketeilausverkaufs deplaciert, doch muss ich sagen, dass die angekündige Rechtsprüfung des Bürgerbegehrens gegen diesen Verkauf Leipziger Eigentums natürlich sehr für Jungs demokratisches Selbstverständnis spricht. (Herr Jung, ich möchte kotzen.) Während Dona-Nobis-Tiefi in Berlin für die Bahnprivatisierung verheizt wird, betreibt man hier schon wieder eine schlimme Provinz-Posse. Ich sehe für die nächsten Oberbürgermeisterwahlen schwarz für die SPD in Leipzig und goldene Zeiten für Dunkelrot und Konservativ. Vielleicht sollte wirklich einmal der Antifilz-KFZ-Mechaniker die Werkstatt durchkehren. In Sachen Bewahrung wünsche ich den Bewahrern (Konservativen) im Stadtrat ein glückliches Händchen.

Übrigens ist die Idee, dass der Käufer der Anteile ein paar Jahre Geld in die Leipziger Kultur stecken würde nicht sehr beruhigend. So wie freie Kulturprojekte in Leipzig (nicht) gefördert und gleichzeitig sinnlos Kulturkohle verbrannt wird (vgl. Henri Maier vs. Riccardo Chailly Burk Jung), wird das Leipzig wohl kaum etwas nutzen.