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Category Archives: Feuilleton

Heldenstadt schrumpft wegen Leistungsschutzrecht

Schade! Schade! Die Heldenstadt zieht sich wegen der Leistungsschutzrecht-Regelung weitgehend vom bisherigen täglichen Geschäft zurück. 🙁

Die erste Konsequenz wird bis auf weiteres sein, dass wir auf der Seite Heldenstadt.de ab sofort nicht mehr auf Texte in deutschen Presseangeboten hinweisen. […] Als zweite Konsequenz werden wir fast alle bisherigen Artikel aus dem Netz nehmen. (“In eigener Sache: Welche Konsequenzen Heldenstadt.de aus dem Leistungsschutzrecht zieht. #LSR“)

Ich will das verabschiedete Gesetz gar nicht weiter kommentieren, weil es Daniel Heinze und Guido Corleone bei Heldenstadt schon getan haben. Dort gibt es auch genügend Links zu Texten, die sich vertieft mit dem Gesetz beschäftigen. Auch ich muss mir aber Gedanken über dieses Blog machen…

So wie auch die Heldenstadt, möchte ich bei der nächsten Wahl nicht vergessen, wer aus meinem Wahlbezirk (Trier) gegen diese m. E. absurde, freiheitsfeindliche und schlecht gemachte Regelung gestimmt hat und wer sie durch den Bundestag durchgewunken hat.

Gegen das Gesetz haben gestimmt:

Manfred Nink (SPD)
Katrin Werner (Die Linke)

Ihnen sei gedankt, auch wenn die SPD im Bunderat ja gemegafailt hat.

M. E. mitverantwortlich für Einschränkungen bei Netzpublikationen durch Zustimmung zum Gesetz ist

Bernhard Kaster (CDU).

Leider kann ich nicht damit drohen, ihn das nächste Mal nicht zu wählen, da mir bekanntlich sowieso eher die Hand vom Arm fault als dass ich bei den “Christdemokraten” ein Kreuz mache. Aber es ist doch gut, sich ab und an einmal daran zu erinnern, warum dem so ist.

Quelle für das Abstimmungsverhalten: Spiegel Online

Schrille Paradiesvögel mit quirliger Entourage – Ein Beispiel wie man nett verreißt

Sehr sehr sympathischer Totalverriss von Christoph Meyring in der Kurzrezension zur DVD-Publikation der “turbulenten Komödie” Männer zum Knutschen (De 2011, Regie: Robert Hasfogel, Pro-Fun) in der Sissy 16 (Dez. 2012-Feb. 2013), der mit dem Bekenntnis und dem Entschluss endet: “Weil Darsteller und Crew beim Dreh offenbar einen Mordsspaß hatten und auswärtigen Spaßbremsen die Feinheiten des Hauptstadthumors mitunter nicht wirklich zugänglich sind, sollen dies der Worte genug sein” (41). Überaus beneidenswert, dass sich der Rezensent nicht zu derbem Fäkalvokabular hat hinreißen lassen, denn schließlich muss die Durchsicht dieses, naja, Films (?) m. E. einer Folter gleichgekommen sein.

Weekend (2011) Screening in Trier

If you’ve missed the beautiful film by Andrew Haigh last year or want to see Tom Cullen and Chris New again and again, there is another opportunity. For the slightly remote city of Trier, it will be the 1st public screening. Don’t hesitate. Come and watch…

WEEKEND

5 JUNE 2012
7 p.m. (s.t.)
UNI TRIER
MAIN CAMPUS
HÖRSAAL 2

ADMISSION FREE. ALL WELCOME. SPREAD THE WORD.
BRITISH ORIGINAL WITHOUT SUBTITLES.

On a Friday night after hanging out with his straight mates, Russell heads out to a nightclub, alone and on the pull. Just before closing, he meets Glen. And so begins a weekend—in bars and bedrooms, getting drunk and taking drugs, telling stories and having sex—that will resonate throughout their lives.

Trailer:

Weitere Informationen:

FAS-Nachlese: Eckart Lohses “Gender ist längst Mainstream – selbst in der Union”

Zumindest den Kreislauf kann der Mantel der FAS antreiben. Ob das gut oder schlecht ist, sagt die auf Seite 14 interviewte Diätberaterin leider nicht. Die beschränkt sich auf Diäten an sich und auf die Fressereien zwischen Advent und Neujahr.

Eckart “elo” Lohse (ist das etwa der von der Guttenberg-Biographie?) ist so einer. Sein Text (S. 4 in der FAS vom 2. Januar 2011) ist fürchterlich. Warum?

1.) Im Untertitel schreibt er “In der Bundeszentrale für politische Bildung vertritt der Präsident kühne Thesen über Mann und Frau. Kaum jemand regt sich auf.” Ich frage mich: Warum sollte man erwähnen, dass jemand nichts bestimmtes tut (sich aufregt)? Natürlich weil man sich selbst aufregt und das für selbstverständlich oder die zu wünschende Norm hält. Schlecht ist die Überschrift aber nicht unbedingt hinsichtlich der Wertung oder des sehr speziellen persönlichen Bezugs sondern vor allem, weil sie kühne Thesen verspricht, die der Text dann nicht halten kann. Sooooo mau!

2.) Aber welche Thesen hält Eckart Lohse denn für kühn? Es scheint das zu sein, was der nicht-rechtskonservative für gesunden Menschenverstand hält. Lohse schildert einen Vortrag von Thomas Krüger:

… je näher Krüger, ein in der DDR aufgewachsener Sozialdemokrat, der Gegenwart kommt, desto dünner wird das Eis. Erst sagt er, dass in der DDR die Geschlechterunterschiede mit dem “sozialistischen Gleichheitspostulat quasi als überwunden” gegolten hätten. [Schön hier der Konjunktiv II.] Die “beinahe Vollbeschäftigung” von Frauen und die flächendeckende staatliche Kinderbetreuung hätten die in Westdeutschland geführten Debatten über arbeitende Mütter und Selbstverwirklichung im Beruf “obsolet erscheinen” lassen. Kommentarlos erwähnt er, dass die Abtreibung bis zum dritten Schwangerschaftsmonat straffrei gewesen sei, und jubelt schließlich, dass durch die “Posteriorität der Ernährer-Ehe” viele Frauen ihre Männer kurzerhand vor die Tür gesetzt hätten. Wer sich immer noch fragt, ob Krüger die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau im Osten oder im Westen besser fand, bekommt als kleine Interpretationshilfe den Satz nachgereicht: “Der Westen hingegen leistete sich Hausfrauen.”

Bemerkenswert Lohses erster Verweis auf die DDR. Noch bevor er über den Inhalt des von Krüger gehaltenen Vortrags etwas sagt, muss erst einmal klar gemacht werden, dass der hier zu verreißende Sozialdemokrat, also vielleicht so etwas wie der Feind, und noch dazu Dunkeldeutscher sei. Der Rest ist selbstredende politische Haltung, und insofern schlecht, weil nur Rechtskonservative es verstehen. Was an einem Gleichheitspostulat schlimm wäre, erklärt Lohse nicht. Selbst im Grundgesetz (Art. 3, Abs. 2) ist als Ziel vorgesehen, was das Postulat als gegeben ansieht. Lohses Kritik kann also wohl nur in der Idee der tatsächlichen natürlichen Gleichheit von Mann und Frau begründet liegen. Nachdem er auch die Abtreibungsgegner auf seine Seite zu ziehen versucht, macht er noch einmal klar, was sein Problem ist: durch die fehlende Abhängigkeit der Frau als Ehemann vor die Türe gesetzt zu werden–oder kann man das anders verstehen? Wie dem auch sei ist Lohses Text hier besonders misslungen, weil er mit der DDR-Keule schwingt und seine Argumentation nicht erklärt (da scheint keine zu sein).

3.) Äußerst ärgerlich ist die platte Art, mit der Eckart Lohses Text versucht, Thomas Krügers ganz selbstverständliche und zeitgemäße Aussagen in den Augen der Dummen lächerlich zu machen. Gegen blöde Heteronormativität hält Krüger das Argument, dass sich auch heterosexuelle Menschen nicht nur in einer von zwei möglichen Gender-Kategorien sehen. Das überfordert den Text. “‘Bisexuelle, …, Transgender, … Intersexuelle, …’. Da es eine Fachtagung ist, müssen Fachbegriffe her.” Klar, diese verrückten Intellektuellen/Gendertypen mit ihrer irren Sprache! Oder anders unsachlich (zur Reaktion der Bundesregierung): “Überhaupt könnte man das Ganze als Posse abtun, …” Man muss das also nicht ernst nehmen. Überhaupt hat ja der Krüger auch schon einmal Nacktbilder von sich machen lassen. “Eine graue Erscheinung ist er jedenfalls nicht.” Das ist eine ähnliche Masche, wie seinerzeit bei den schwulen Bürgermeistern der großen Städte. Man deklariert sie einfach zur Partymaus und damit als potentiell ungeeignet oder nicht ernst zu nehmen.

4.) Einen ganz abgefuckten rhetorischen Trick erlaubt sich der Text mit der Verwirrung um die Bezeichnung ‘Gender’. Erst wird ‘Gender’ einfach mit ‘Geschlecht’ übersetzt, um alsdann eine kühne These in der Idee zu erblicken, “dass das menschliche Geschlecht nur ein Produkt autoritärer Erziehung und die Norm des heterosexuellen Zusammenlebens von Mann und Frau Ausdruck eines perfiden Repressionssystems sei”. Das würde niemand, der nicht gänzlich unbeleckt von den Gender Studies ist, einfach so behaupten.

Wie gesagt: Den Kreislauf treibt die Lektüre des kleinen konservativen Blättchens schon an. Wenn sie auch den Geist antriebe, wäre es wohl wieder Qualitätsjournalismus. Von dem ist Lohses Text–alas!–weit entfernt.

Illies, Kracht nicht! / FAS-Nachlese: Feuilleton vom 19. Dezember 2010

“Man muss gehen, bevor es kracht”, ist über Nils Minkmars Nachruf auf Florian Illies (FAS 19. Dez. 2010) zu lesen. Das stammt natürlich aus dem Text:

fast hat man den Eindruck, Florian Illies verlasse die Party, bevor es kracht. (Früh zu gehen gehört zu seinen Angewohnheiten. Als er einmal anders entschied. blickte er gegen 22.30 auf die Uhr und schaute erwartungsvoll in die Runde: Würden nun endlich all die Ausschweifungen stattfinden, von denen ihm die Spättrinker immer vorgeschwärmt haben?) [33]

Christian Krachts vollständiger Name taucht nur einmal auf. Einer der immens talentierten Schriftsteller Illies’ Generation sei er. Aber was nun genau der wahrscheinlich kalauernde Verweis auf ihn im Titel soll, das hat Minkmar wohl bei all der Selbstbespiegelung (Natürlich ist der Illies–oder sollte ich sagen “Der Flo”?–ein alter guter Freund und so…) versäumt herauszuarbeiten. Ansonsten so gut zu lesen, wie sein Contra christliche Feiertage “Weg von Spezialeffekten” eine Seite zuvor.

Wir Deutschen sollen noch mehr billige Agitation ertragen / FAS-Nachlese

Der Wirtschaftsteil der letzten FAS, wie häufig, schwer zu ertragen. Der Aufmacher: Holger Steltzners Text über dem tatsächlich “Wir Deutschen sollen noch mehr zahlen” (35) steht. “Wir Deutschen”? “Noch mehr”? “Zahlen”? WTF? Also, erst einmal, lasse ich mich ungern in irgendwelche Gruppen zwingen. Kumpanei mit konservativen, möglicherweise arroganten und eigentlich blöden Stehkragenwirtschaftsleuten? Nein! Das möchte ich mir sparen. Diese billige Anbiederung ist mir zuwider. Die rhetorische Strategie des Titels lässt mich schnell umblättern. Bäh!

Besonders bemerkenswert aber die Werbung. Auf Seite 37 ein Ulrich Wickert mit fürchterlich zerschnittenem Gesichte. Daneben ein Zitat: “…Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele”. Genau! Komisch eigentlich, dass es in der Geschichte der westlichen Philosophie noch kein erstzunehmender Denker zu dieser Einsicht gebracht zu haben scheint. Oder von dem durfte man das Abbild nicht so schrecklich entstellen… Auf jeden Fall frage ich mich jetzt, ob Wickert noch andere Offenbarungen zu verkünden hatte, in dem Brief, der neulich mit der Post kam. Drauf stand “Mädchen haben es noch schwerer… // Bitte nicht knicken: PHOTO // Wichtige Mitteilung von Ulrich Wickert”. Ich hatte angenommen, dass es sich nur um die übliche, rührselig daherkommende, allweihnachtliche Spendenbettelei handeln müsse und den Brief erst geknickt, ungelesen zerrissen und in die Papiertonne verschoben. Vielleicht habe ich so große Wahrheiten verpasst, leichtfertig meine Erleutung verspielt. Darn!

Auch erstaunlich, dass BP ganz vorweihnachtlich daran erinnert (41), dass das Bohrloch seit Juli verschlossen sei. Schöne Farben in der Anzeige. Kein schmieriges Schwarz-Braun. Alles farbenfroh, neon-grün und -rot. Und ich habe tatsächlich überlegt, ob ich das wegen der Montage bei PsD einschicke…

Und Werbung ist auch lehrreicht. So erfährt man beispielsweise auf Seite 43, dass ein gewisser Schauspieler keine Probleme mit dem räumlichen Sehen hat. “Moritz Bleibtreu sieht die Welt bereits dreidimensional.” Herzlichen Glückwunsch, Herr Bleibtreu! Ja, und herzlichen Glückwunsch auch Herr Otto Philipp Braun, 32, zum Aufrücken in den Vorstand des Medizintechnikkonzerns B. Braun Melsungen! Die Meldung dazu direkt neben der Werbung für ein elektrisches Rasiergerät, dass von einer Procter-&-Gamble-Tochter mit dem Namen Braun hergestellt wird. Natürlich denkt jetzt niemand, dass das eine Firma ist, die sich zur Anzeige gleich einen Artikel gekauft hat. Es ist nicht so. Aber die FAS scheint trotzdem ein wenig unglücklich gesetzt zu haben.

Medienrepräsentation von WikiLeaks und Stillosigkeiten bei der ARD / FAS-Nachlese

Nach dem verunglückten Assange-Bashing von Hendrik Ankenbrand im Mantelbogen der FAS vom letzten Sonntag ist das Feuilleton wirklich eine Erholung. Nicht nur dass Medienmann Harald Staun kenntnisreich die irreführende Medienrepräsentation von Wikileaks und den Protesten gegen Zensur gerade rückt. Er schreibt:

Dass viele Medien solche digitalen Provokationen als ‘Angriffe’ brandgefährlicher Cyberkrieger beschreiben, liegt nicht nur an technischer Unkenntnis, sondern auch am klaren Willen, Wikileaks wieder in den Kontext des Verbrechens einzuordnen. Kaum jemand macht sich deshalb die Mühe zu erklären, was eigentlich an den ‘Angriffen’ gefährlich oder kriminell sein soll. ‘Distributed Denial of Service’-Versuche sind sicher keine besonders zivilisierte From der Meinungsäußerung–und trotzdem handelt es sich eher um die zeitgemäße Form eines Sit-ins als um virtuelle Gewalt. (“Daten statt Worte: Wikileaks oder Wie die Medien den Cyberkrieg erfinden”, FAS 12. Dez. 2010: 33)

Nein. Besonders gut: Nils Minkmars Aufmacher “Gerechtigkeit für Anne Will! Warum belohnt die ARD weder Loyalität noch Qualität?”. Klar, weil sie möglicherweise nach dem Bohlen-Prinzip verfährt. Eine Schande! Wills Sendung habe eine Reihe starker Fernsehmomente produziert. Zum Beispiel war da “die Erläuterung von Bischof Franz-Joseph Overbeck zur Homosexualität: ‘Das widerspricht der Natur. Die Natur des Menschen ist angelegt auf das Miteinander von Mann und Frau.’ Ein Satz für die Archive, abgelegt gleich neben solchen Dokumenten, in denen früher Wissenschaftler die unterlegene Natur der Frau oder die geistige Primitivität der Schwarzen darlegten” (ibid., 25). Minkmar fällt auch auf, dass die Frauen in der ARD, der “dysfunktionalen Familie”, offenbar einen schweren Stand haben: “Am Ende der ganzen ARD- Renovierung (sic) haben die Frauen den späten Wochentagsplatz, die Herren talken besonders wertvoll für die wachen Geister. Man möchte nicht, dass das beispielgebend ist”. Stark auch Minkmars letzter Absatz über die “ans Vulgäre grenzende Stillosigkeit” der ARD in dieser Sache.

PS: Minkmar ist auch nicht ganz ironiefrei. Wie er beispielsweise den Moderator des deutschen Franchises eines britischen Game-Show-Formats und eines boulevardesken Reportagemagazins ständig als “berühmt” bezeichnet, lässt zumindest jüngere Leser schmunzeln.

Poke 53280,11; Poke 53281,12; Print chr$(155)

Schon der Mantelbogen der FAS von gestern ist ein großes Ärgernis. Neben den furchtbar geschriebenen Aufhängerartikeln über einen pädophilen Lehrer dann das Assange-Bashing von Hendrik Ankenbrand auf Seite 14. Dieser schreibt: “Assanges Weltsicht kennt keine Grautöne, wie bei seinem ersten Computer, einem Commodore C 64, mit dem er mit 16 Jahren erstmals in ein großes Firmennetzwerk einbrach, gibt es nur 0 und 1, ein und aus, Schwarz und Weiß.” Das ist ja 1.) entweder totaler Quatsch (siehe Überschrift bzw. hier) und stilistisch blöde (Was soll mittels C64-Verweis gesagt werden? Geht es um eine Mystifikation der Figur Assange?) oder 2.) eine verhunztes Synekdoche und damit eine starke Vereinfachung (Alle digitalen Geräte arbeiten mit Binärcode.) und damit genau das, was Assange im nächsten Absatz vorgeworfen wird (Ironie? Ist der Text etwa heimlich auf der Seite Assanges?): Wikileaks sei (vom Text durch einen mutmaßlichen Assange fokalisiert) eine “Cybermassenvernichtungswaffe“, die gegen alles Böse eingesetzt würde. “Er ist ein großer Vereinfacher, das erklärt auch seine Popularität…”. Und diesem fiktiven Assange, der Geistfigur Ankenbrands, möchte man entgegnen: “Käse! Wissen ist höchstens Macht und keine Massenvernichtungswaffe.” Oder: “Wahrheit kann nie schaden.” Oder: “Die Wahrheit triumphiert nie.” Oder: “Die Wahrheit ist eine Braut ohne Aussteuer.” Oder auch einen anderen abgedroschenen Spruch. Für Ankenbrand und die FAS kann man höchstens geltend machen, dass Dichtung ja bekanntlich nur “eine Expedition nach der Wahrheit” ist. … Naja.

Carl Barât – Run with the Boys

Ich kann gar nicht so recht sagen warum, aber das Video zu Carl Barâts “Run with the Boys” gefällt mir. Vielleicht weil es mit der Fiktion arbeitet, dass sich im Leben nicht viel ändere, dass Freundschaften zuverlässig hielten, dass jedermann gesund und überhaupt alles beim Alten bliebe. Natürlich wäre das auch traurig, weil Entwicklung wichtig ist. Aber: Im geschlossenen Bereich um regelmäßige Outings with the boys … warum nicht? Anyway, vielleicht liegt es auch an den schnellen Schnitten zwischen häuslichem Frieden und dionysischem nächtlichen Treiben. Oder–und das wäre noch viel besser–es liegt an der Musik, dem fünften Lied auf dem Solo-Debüt-Album des Frontmanns der Libertines, Carl Barât. Das Album ist seit Montag draußen. Hier kann man in alle Tracks hineinhören. Die BBC schreibt, es sei ein “handwerklich sauber gearbeitetes Solo-Debüt, dass sich aber–so sehr es auch versucht–nicht von der Vergangenheit seines Machers befreien kann”.

Marketingmäßig nicht schlecht, dass das Album gleichzeitig mit Barâts Libertines-Biographie Threepenny Memoir: The Lives of a Libertine erscheint.

[via Popnutten]

Leseempfehlung: “Vor dem Alkoholverbot: Auf ein letztes” von Peter Richter/FAS

Der Alkohol, heißt es, hat den Menschen in der Eiszeit gewärmt, gestärkt und sesshaft gemacht, er hat über Jahrtausende die Lebensmittel haltbarer und das Dasein erträglicher gemacht. Das alles muss er heute nicht mehr; wir haben Heizungen, Kühltruhen und eine Bundeskulturstiftung. [hier]

Grandios konstruierter Essay. Das ist die hohe Kunst.

Bahn fördert auch 2010 wieder Kunst am Bahnhof

Es scheint sich um ein längerfristiges Engagement der Bahn für die Kunst zu handeln. Auf dem Leipziger Hauptbahnhof hat der geförderte Künstler, dessen Werke in der Westhalle installiert werden eine weitere Schaffensphase erreicht. Hatte er 2006 noch mit roten Eimern und Kleinstabsperrungen experimentiert, hatten sich bis 2009 lediglich Form und Farbe der Eimer geändert. Auch der Ort der Installation und der Umfang der Absperrungen waren präsenter geworden.

[Eimerkunst im September 2006. Ausstellungsort damals noch im Durchgang von der Shopping Mall in die Westhalle. / (c)]

(Eimerkunst im September 2006. Ausstellungsort damals noch im Durchgang von der Shopping Mall in die Westhalle. / (c))

(Auch Touristen reisten damals schon an, um die Ausstellung des Künstlers zu besuchen.)

(Auch Touristen reisten damals schon an, um die Ausstellung des Künstlers zu besuchen.)

(Januar 2009. Die Ausstellung findet direkt in der geräumigeren Westhalle des Bahnhofs statt: Der Ritterschlag für den Künstler.)

(Januar 2009. Die Ausstellung findet direkt in der geräumigeren Westhalle des Bahnhofs statt: Der Ritterschlag für den Künstler.)

Nun, 2010, ist der Künstler aus der Eimer-Phase in die Lappen-Phase übergetreten. Die Eimer sind in künstlerischer Reduktion ganz verschwunden. Organischer wirkende Wischlappen führen einen Tanz um eine benetzte Fläche aus.

(März 2010. Dass die aktuellen Ausstellungen wieder Kunstfreunde nach Leipzig pilgern lassen, ist wohl zu erwarten.)

(März 2010. Dass die aktuellen Ausstellungen wieder Kunstfreunde nach Leipzig pilgern lassen, ist wohl zu erwarten.)

Wie dürfen gespannt auf die nächsten Schaffensjahre sein. Man kann nur hoffen, dass die Bahn ihr bisher ungebrochenes Engagement für Gegenwartskunst fortsetzt. Vielleicht werden auch die trantütigen Feuilletonisten endlich verstehen, das die Baumwollspinnerei im direkten Vergleich mit dem Hauptbahnhof abkackt wie Sau.

Adigas Rache

Warum wird die Meinung eines Menschen oft dadurch relevant, dass er einen Preis bekommen hat? Bei Aravind Adiga ist das ja äußerst frappant. Jetzt erzählt er Oliver Jungen noch etwas von seinen (fehlenden) Vorlieben für deutsche Autoren. Ich möchte wetten, dass größte Expertise aus seiner Bewertung spricht.

Das ZDF kickt Elke Heidenreich raus

Und was bedeutet das? Dass sie mit ihrem Text in der FAZ so ziemlich Recht hatte. Das zeigt auch die Stellungnahme vom ZDF-Programmdirektor Thomas “graue Anzüge stehen mir ausgezeichnet” Bellut, die mit hässlichem Heidenreich-Foto versehen veröffentlicht wurde. Ich mochte die Heidenreich selbst nie wirklich, weil sie eben mehr Kritikerin als Literaturwissenschaftlerin ist, das so heraushängen lässt und so einen Hang zur Schmonzette hat. MRR geht ja auch gar nicht. Aber letztlich haben sie doch Recht. Dass Bellut so dumm ist, wie seine Handlung suggeriert, glaube ich nicht. Vielleicht will er einfach selbst nicht wahr haben, “wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich.” Oder er ist so eine Art Mitläufer und (Selbst)zensierer, wie die, die dass zerblitzteste Foto ever (siehe oben) heraussuchen, um den neuen “Gegner” darzustellen. Oder wie in der Kulturzeit, die nur matter-of-fact über den Vorgang im eigenen (Mutter)haus berichtete ohne Hintergründe zu diskutieren, wie eigentlich angemessen gewesen wäre.

Vielleicht nutzt Elke Heidenreich ihre Erkenntnis über das Fernsehen und zieht einfach ins Netz weiter. Vielleicht kann sie einen Podcast für ein Kulturblog machen, das ohne Idiotenmaschinerie im Hintergrund arbeitet. Das Fernsehen in der bisherigen Form ist sowieso bald ganz tot.

Fürs Archiv: Bellut über Heidenreichs Zukunft beim ZDF (16.10.2008), Heidenreich legt nach (19.10.2008).

SpOn: Jan Freitag über die 100000-Euro-Show

Hat er schön gemacht. Wenn man sich schon einen Abend mit der Betrachtung dieses Unterhaltungs-Mülls verderben muss, kann man auch schön darüber schreiben. Dass einem dabei die Bilder ein bisschen krass geraten ist zu entschuldigen.

Dabei trägt sie zwar nicht die scharfen Hosenanzüge ihrer Vorgängerin der “100.000 Mark Show” zu Beginn der Neunziger, aber immerhin bizarre Riesenknopfblazer-Variationen mit Stehkragen. […] Inka Bause ist also nicht nur die neue Linda de Mol, der im Frühling mit der “Traumhochzeit” das erste große Comeback eines Formats aus der holländischen Entertainment-Fabrik Endemol misslang. Sie ist auch die neue Ulla Kock am Brink, wenngleich ihr Name weniger Anlass für Wortspiele liefert. […] Vor allem aber ist Bause eine Art Jörg Pilawa des Kommerzfernsehens, Tänzerin auf allen Hochzeiten von der RTL-Bäuerinnensuche bis zur MDR-Schunkelsause, eine Allzweckwaffe geriatrischer Abendunterhaltung. [SpOn]

Gut gebrüllt.

Dabei fällt mir ein, dass ich noch eine Autrogrammkarte von Inka habe. War die aus der Trommel oder aus der Frösi? Ich wusste damals, als ich die zum Unterschreiben an Inka schickte, gar nicht, wer sie überhaupt war. Dank Freitag weiß ich es jetzt.

Die Frankfurter Rundschau und der Reissack

Nicht nur politisch, sondern auch optisch erschien die FR am Freitag in rot. Die Titelseite grüßte mit dem Namen der Zeitung in chinesischer Schrift. Der Zusatz “Unabhängige Tageszeitung” wurde ganz weggelassen. Die Ausgabe war dem Gastgeberland der Olympischen Spiele gewidmet. Auf dutzenden Seiten fand man also Berichte, Kolumnen und Reportagen aus dem Land der neuen Pressefreiheit (Sehr schön die Landkarte als Centerfold.). Im Magazin dann die abgebildete Nachricht. Wann sonst hat man die Chance einen solchen Kalauer in eine Zeitung zu schreiben, und dabei gleichzeitig selbstreflektiv auf das Problemfeld Presse und Politik in China einzugehen? Herrlich. Wenig Resonanz im Bitwald übrigens (bis jetzt nur Boris). Dafür muss wahrscheinlich schon einmal ein Waschlappen vom Haken fallen.

Kleiner Barth

Es gibt ja diese Seiten, meist am Ende von Tageszeitungen, auf denen Boulevardeskes gehandelt wird. Das Zeug, dass es im ehemaligen Leitmedium Fernsehen im frühen Vorabendprogramm zuhauf gibt: D-Promi-News, Modetrends und anderen Blödsinn. Michael Jackson im Rollstuhl und Ethan Hawke, der sein ehemaliges Kindermädchen heiratet. Diese Seiten heißen manchmal “Vermischtes” oder “Aus aller Welt” oder gar “Magazin”, wie bei der Frankfurter Rundschau. Und in dieser gibt es heute eine recht empfehlenswerte Analyse des Phänomens “Mario Barth”.

Zum Kommentar einer Barth-Anhängerin schreibt der Autor darin:

Eigentlich, so schrieb die Frau, kenne man derlei Witzigheit vom eigenen Freund. Aber sie fände es trotzdem super! […]
“Trotzdem super!” ist die Durchhalteparole der Traurigen–gegen die ewige Zumutung durch das schier unerreichbar Schöne und Gute. “Trotzdem super” finden viele triste Urlaube, lieblos zubereitetes Essen, Fuselwein, abgeschmackte TV-Shows, öde Filme, Dieter Bohlen und Matthias Riechling. Mit “trotzdem” reden sich viele erst ihr gebremstes Bemühen schön, dann das Ergebnis, letztlich die Resignation, kurz: das mittelmäßige Scheitern.

Zwar steht Mark Oberts Text neben der “Meldung” über Michael Jackson, dem sich angeblich die Haut vom Gesichte schält, aber es ist trotzdem (!) schön zu wissen, dass man “Magazin” auch so machen kann.

Plattmacher mit Gespür für Titte

So passiert am 19. November im Feuilleton-Pressegespräch beim D-Radio:

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.


Das ist ein Link.

Sehr schön: Aust als “Plattmacher”, das “Gespür für Titte und so weiter”, und das Wenden des Herrn Matthias Matussek bei der Nachfrage nach Nicolas Iljine von der Guggenheim-Stiftung. Sehr geil. Da kann man schleimig und wendig sein wie ein Aal, und trotzdem, und trotzdem …

Wie man langweilige Nachrichten schön schreibt: Sebastian Wieschowski bei SpOn

Glücklich und erschöpft liegen sich die Kollegen des T-Punktes in der Schildergasse in den Armen, stoßen mit Sekt an, verschwinden in der Finsternis der Großstadt. Und immer wieder sieht man zwischen Einkaufsstraße und Hauptbahnhof einsame Menschen im strömenden Regen auf Bänken sitzen, die eifrig eine schwarze Kiste aufreißen und gierig ein futuristisch aussehendes Telefon herausnehmen.

Wie damals bei der Autorennbahn. Wie an Weihnachten.
[Quelle]

Bisschen Klischee, aber schön.

Hals – SO einen

Bei soviel Blödheit, da krieg ich SO einen Hals. Frau Rowling macht sich natürlich (hoffentlich) einen Spaß daraus. Aber dass SpOn so tut, als hätte es z. B. den New Criticism nie gegeben, macht mich ganz wild. Da könnte man ja annehmen, dass man bei SpOn gar keine (Aus)bildung besitzt und bei AP und Reuters ebenso wenig. Aber soetwas passiert, wenn man entweder nur Praktikanten heranlässt oder Leute, die als einzige Qualifikation vorweisen können, dass sie eine Art zweijähriger Behelfsausbildung ohne richtigen Plan gemacht haben. Kann mir doch niemand erzählen, dass es für Literaturwissenschaftler tatsächlich auch bei der Presse Stellen gäbe, die nicht im Rezensionsunwesen lägen. Das ist doch hoffentlich Allgemeinwissen, was hier bei SpOn fehlt.
UPDATE 20071022: So schreibt man darüber.

FAZ: Du sollst dir genau ein Bild machen

Seit dieser Woche gibt es bei der FAZ ein Titelbild. Nicht schlecht. Den Start aber vermasselt mit einer Fotografie zweier Männer beim Weintrinken. Aber das stimmt ja nicht, denn, erstens, sind Kim und Roh ja nicht einfach irgendwelche Männer, zweitens, trinken sie auf dem Bild noch gar nicht und, drittens, gab es schon immer einmal Abbildungen auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die andere Zeitung aus Frankfurt, die Rundschau nämlich, brachte am Freitag in der Rubrik “Zehn & Eins” eine Liste der zehn letzten Ausnahmen vom Bilderverbot auf Seite 1 der FAZ.

  1. Ratzinger ist Papst (20. April 2005)
  2. Johannes Paul II. verstorben (4. April 2005)
  3. Berliner Mauer offen (FAZ-Extrablatt, 12. November 1989)
  4. Deutsche Einheit (4. Oktober 1990)
  5. … [sic; 45]

Das ist ganz spannend, besonders wenn man sieht, dass es dann auch der Tod von Otto Suhr (Kennt den noch wer?), Egon Reinerts Aufstieg zum Chef der CDU im Saarland oder die Verstaatlichung des Suezkanals mit Bild auf die Titelseite geschafft haben.

Was fehlt wird ebenfalls kommentiert: Mondlandung, Kennedy-Mord; ganz ganz viel zwischen 1957 und der Maueröffnung. Insgesamt waren es 33 Ereignisse, die die FAZ-Redaktion zu einem Foto auf der Titelseite bewegen konnten – die meisten davon in den Fünfzigerjahren.

Jetzt ist es egal, jetzt muss man immer ein Foto finden. Man stelle sich die Diskussionen vor! Und wenn man kein vernünftiges findet, dann zeigt man eben Kim und Roh bei der Weinprobe. Gibt zumindest schöne Farben.