Bremer Tatort “Stille Wasser”: Karlsen schnuppert Selbstreflektivität

Total nervige Drohnenflugästhetik im Bremer Tatort “Eisblumen”Stille Wasser” von Thorsten Näter (Regie und Buch) heute. Sehr sehr eigenartig auch die unnötig hochkarätige Besetzung von Nebenrollen mit Leuten wie Anna Maria Mühe oder Ulrich Matthes. Die beste Leistung allerdings von der Darstellerin der traumatisierten jungen Mordaugenzeugin Nadine durch Sina Monpetain. Herzzerreißend glaubwürdig und tief. Ein besonderer Spaß natürlich die ironische Metanarration. Karlsen (Winfried Hammelmann), der einmal durch Entwicklung aus seiner Rolle als Funktionsfigur zu fallen droht, sich dann aber sofort zusammen nimmt und sogar dafür entschuldigt. (Wie sähe denn so ein Tatort ohne die vielen flachen, statischen Kollegen, Sekretärinnen, Gerichtsmediziner und Kriminaltechniker aus?) Oder auch der Umstand, dass die dargestellte Bremer Unterschicht gerade dadurch ein bisschen unheimlich wirkt, weil sie wirklich weder Fernsehen kuckt noch ständig vor dem Rechner hängt. Fjeden ziemlich interessanter und auch sehenswerter RB-Tatort.

Musik im SR-Tatort “Heimatfront”

So wenig wie Afghanistan und das Saarland oder die beiden Kommissare Franz und Stefan zusammenzupassen scheinen, so sehr war auch gestern Abend der Titel “Closer” vom Album Only by the Night der Kings of Leon ein Fremdkörper im Saarbrücker Tatort “Heimatfront” von Uwe Wilhelm (Regie: Jochen Alexander Freydank). Ziemlich eigenartig das Ganze. Allerdings vor dem ersten Besuch bei der Psychotante eine schöne Einstellung… Und Ludwig Trepte, den ich zuletzt in der äußert sehenswerten Dokumentation Aghet – Ein Völkermord über den türkischen Genozid an den Armeniern gesehen hatte, gab trotz Amputation ein gutes Bild ab. Immerhin. …

Musik im Münchner Tatort “Nie wieder frei sein”

Wie Nebel richtig feststellt, ist die Musik von Sebastian Pille im BR-Tatort “Nie wieder frei sein” wunderschön. Auf der Komponisten-Website findet man einige Hörbeispiele. Mich hat sie ein bisschen an Max Richter erinnert, der ja auch gern Musik für audiovisuelle Produktionen macht (Die Fremde, Vals Im Bashir u. a.):

Medienrepräsentation von WikiLeaks und Stillosigkeiten bei der ARD / FAS-Nachlese

Nach dem verunglückten Assange-Bashing von Hendrik Ankenbrand im Mantelbogen der FAS vom letzten Sonntag ist das Feuilleton wirklich eine Erholung. Nicht nur dass Medienmann Harald Staun kenntnisreich die irreführende Medienrepräsentation von Wikileaks und den Protesten gegen Zensur gerade rückt. Er schreibt:

Dass viele Medien solche digitalen Provokationen als ‘Angriffe’ brandgefährlicher Cyberkrieger beschreiben, liegt nicht nur an technischer Unkenntnis, sondern auch am klaren Willen, Wikileaks wieder in den Kontext des Verbrechens einzuordnen. Kaum jemand macht sich deshalb die Mühe zu erklären, was eigentlich an den ‘Angriffen’ gefährlich oder kriminell sein soll. ‘Distributed Denial of Service’-Versuche sind sicher keine besonders zivilisierte From der Meinungsäußerung–und trotzdem handelt es sich eher um die zeitgemäße Form eines Sit-ins als um virtuelle Gewalt. (“Daten statt Worte: Wikileaks oder Wie die Medien den Cyberkrieg erfinden”, FAS 12. Dez. 2010: 33)

Nein. Besonders gut: Nils Minkmars Aufmacher “Gerechtigkeit für Anne Will! Warum belohnt die ARD weder Loyalität noch Qualität?”. Klar, weil sie möglicherweise nach dem Bohlen-Prinzip verfährt. Eine Schande! Wills Sendung habe eine Reihe starker Fernsehmomente produziert. Zum Beispiel war da “die Erläuterung von Bischof Franz-Joseph Overbeck zur Homosexualität: ‘Das widerspricht der Natur. Die Natur des Menschen ist angelegt auf das Miteinander von Mann und Frau.’ Ein Satz für die Archive, abgelegt gleich neben solchen Dokumenten, in denen früher Wissenschaftler die unterlegene Natur der Frau oder die geistige Primitivität der Schwarzen darlegten” (ibid., 25). Minkmar fällt auch auf, dass die Frauen in der ARD, der “dysfunktionalen Familie”, offenbar einen schweren Stand haben: “Am Ende der ganzen ARD- Renovierung (sic) haben die Frauen den späten Wochentagsplatz, die Herren talken besonders wertvoll für die wachen Geister. Man möchte nicht, dass das beispielgebend ist”. Stark auch Minkmars letzter Absatz über die “ans Vulgäre grenzende Stillosigkeit” der ARD in dieser Sache.

PS: Minkmar ist auch nicht ganz ironiefrei. Wie er beispielsweise den Moderator des deutschen Franchises eines britischen Game-Show-Formats und eines boulevardesken Reportagemagazins ständig als “berühmt” bezeichnet, lässt zumindest jüngere Leser schmunzeln.

Musik im Tatort “Unsterblich schön”

Schöne Farben, schöne Bilder, um die sich Regisseur Filippos Tsitos im Münchner Tatort bemüht hat. Die Story von Stefanie Kremser … naja. Die Musik schon irgendwie eigenartig. Aber dafür einen Titel von Johnny Cash fast ausgespielt. Ich hatte irrtümlicherweise angenommen, dass der auf Album 3 der American Recordings, Solitary Man, ist. Aber nein, American IV – The Man Comes Around ist es. Track 15 auf der Platte. Man sollte mehr Cash hören.

Sachsenklinik im Internet

Hätten die zu der Zeit in der Media City in Leipzig gedreht, dann stünden wohl mehr Leute auf der Straße, und auch Scheinwerfer. Ergo: die Fiktion der Sachsenklinik muss wohl direkt für Google Street View kreiert worden sein. Sehr cool. Also, Fans von In aller Freundschaft, hier ist der Klinikeingang:


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Banksy zeichnet kritische und wahnsinnig geile Simpson-Eröffnungssequenz

Einer der wichtigsten Britischen Gegenwartskünstler ist zweifellos Banksy. Dieser hat nun ein eine erweiterte Eröffnungssequenz für die US-amerikanische Animationsserie The Simpsons gestaltet (siehe UNBEDINGT!!!1!!! unten). BBC News weiß von Banksy, dass “his storyboard led to delays, disputes over broadcast standards and a threatened walk out by the animation department”. Der Simpsons-Produzent Al Jean habe gemeint, “This is what you get when you outsource”. Auf jeden Fall aber sehr sehenswerte einhundertvier Sekunden:

PS: Ach so, das Ganze ist natürlich nicht die erste Auseinandersetzung des Künstlers mit den Simpsons. “I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. I must not copy what I see on the Simpsons. …

[Graffiti depicting graffiti removal by Banksy. May 2008, Leake Street, London, painted over by August 2008. (details).]

Musik im Tatort “Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen” (Berlin)

Endlich wieder einmal ein Tatort mit einem schönen Soundtrack.

Natürlich das beste Lied von Imogen Heap: “Hide and Seek” vom Album Speak For Yourself (2006). (Hier kann man bei Amazon reinhören.)

Und dann war doch noch ein anderes, nämlich “Summer In Siam” vom The-Pogues-Album The Very Best of the Pogues (2001) (zuerst auf Hell’s Ditch (1990) veröffentlicht).

Oh ja, und da waren noch zwei Stücke, die nur angespielt wurden. Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Warum nicht einfach freie Inhalte?

Volksempfänger: Wikimedia-Commons-Nutzer KMJ, CC-Lizenz (BY-SA-3).Es ist mir vollkommen rätselhaft, wie die öffentlich-rechtlichen MurksProduzenten ständig über das Verweildauerkonzept für Inhalte im Netz jammern können aber nicht auf die Idee kommen, Content einfach unter CC-Lizenz (oder ähnlichem (z. B. einer Lizenz für Gebührenzahler)) zu produzieren und den Rundfunktteilnehmern die Verbreitung zu überlassen. Bisher werden Angebote über antiquierte und auch widersinnige urheberrechtliche Beschränkungen (warum sollten öffentlich-rechtlich produzierte Inhalte überhaupt urheberrechtlich geschützt werden?) von der freien Verbreitung ausgeschlossen. Auch Menschen, die mit ihren Gebühren für die Produktion der Inhalte zahlen, haben letztlich keine Rechte daran. Es ist absurd. Gleichzeitig klagen die Produzenten jetzt darüber, dass durch das Verweildauerkonzept die Inhalte im Netz verloren gingen. Dabei waren sie es doch, die sich bewusst gegen eine Freigabe ihrer Inhalte entschieden haben. (Ich habe das Copyright-Zeichen aus dem Fernsehen gelernt.) Mir tun sie gar nicht Leid. Übrigens auch deswegen nicht, weil in Deutschland mit wahnsinnigen Gebührengeldmengen m. E. vor allem minderwertiger Mist produziert wird–ganz im Gegensatz übrigens zu überlegenen Anstalten wie der BBC. Wahrscheinlich liegt das am System oder am Selbstverständnis.

So, jetzt stelle man sich einmal vor, die Öffentlich-Rechtlichen würden unter CC-Lizenz publizieren, die Menschen könnten Inhalte speichern und weiterverbreiten! Plötzlich wäre es nicht mehr der Rundfunkrat oder der Intendant oder der Chefredakteur oder wer auch immer, der entschiede welche Beiträge wie im Netz aufrufbar blieben (unter Einhaltung der gesetzlichen Maximalverweildauer). Nein! Plötzlich wären es die Konsumenten, die Finanziers der Rundfunkanstalten. Was passierte denn dann, wenn das Steckenpferd eines Intendanten von niemandem gespeichert und angeboten würde? Hui! Plötzlich gäbe es eine Konkurrenzsituation! Das können viele Entscheidungsträger in den Anstalten nicht wollen. … Mal schauen, was sich da in der nächsten Zeit tut (ich glaube nicht, dass die sich wirklich rühren)! Vorerst freue ich mich, wenn ich für die Archivierung des über die Jahren produzierten Drecks nicht noch einmal zahlen muss.

[Volksempfänger: Wikimedia-Commons-Nutzer KMJ, CC-Lizenz (BY-SA-3).]

Unerträglich, quälend, blödsinnig–In Klagenfurt werden wieder Menschen gefoltert

Er ist zum aus der Haut fahren, der Blödsinn, den die Juroren des Bachmannpreises von sich geben. Man könnte meinen, Jahrzehnte Literaturwissenschaft seien von ihnen verschlafen worden. Karin Fleischanderl, beispielsweise, scheint noch nicht einmal zwischen Autor und Erzähler unterscheiden zu können/wollen. Sie ist dabei aber nicht die einzige. Was haben diese Menschen für ein Selbstverständnis? Unerträglich, quälend, blödsinnig–m. E. zumindest. Das Schöne ist, ich kann wegschalten. Nur die Autoren tun mir sehr Leid–gerade eben jetzt der Ostthüringer Aleks Scholz. Vor allem, weil viele von ihnen gefoltert werden und am Ende doch keine Kohle bekommen…

How I Met Your FDP

Jetzt mal ganz ehrlich! Sehe nur ich eine gewisse Ähnlichkeit, oder könnte Christian Lindner, der neue Generalsekretär der FDP (der übrigens jünger als ich ist, was man ihm nicht unbedingt ansieht), zumindest physiognomisch ein Bruder von Neil Patrick Harris sein?

DerLindnerHarris

[Fotos | Lindner: Tulipana (Wikimedia Commons), Public Domain; S[1] (Wikimedia Commons), CC-Lizenz (cc-by-sa 3.0) | Harris: Greg in Hollywood (Greg Hernandez) und Kristin Dos Santos (beide Wikimedia Commons), beide unter CC-Lizenz (cc-by-sa 2.0)]

Also, was sagst du?

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Calis’ Frühlings Erwachen bei Arte

Gestern Nuran David CalisFrühlings Erwachen bei Arte gesehen. Uiuiuiuiuiui! Ganz anders als die Inszenierung von André Rössler in Mainz. Calis konnte sich offensichtlich nicht entscheiden, für oder wider Wedekinds Text. Was auf dem Theater prima funzt, klappt im Film überhaupt nicht. Er ist nicht stimmig. Die Handlung, Figuren und Setting sind unglaubwürdig–dabei scheint es doch das Anliegen der Neufassungen zu sein: Wahrheitsnähe schaffen. Der Kontrast zwischen dem, was die Figuren sagen und tun zu Wedekinds Text, der immer einmal wieder durchscheint, sagt dem Zuschauer andauernd: “Schau, das ist Fiktion! Schau, wie modern diese Fiktion wirkt!” Einige Szenen (die Masturbationsszene, die keine ist (da kalauert der Film selbstgefällig mit dem Urtext); der Selbstmord) sind richtig stark. Das gelingt dann, wenn sich der Film kurz von seiner selbst auferlegten Aufgabe löst. Alles in allem, ist das wohl ein Deutschlehrerfilm: “Ich schaue mit meiner Klasse diesen Film, weil der viel näher an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ist…” *stöhn* *gähn* “Außerdem mögen die Schülerinnen doch den Ochsenknecht so.” (Welch epische Fehlbesetzung!) Bevor sich ein Jugendlicher wegen all dem Stress des Erwachsenwerdens das Leben nimmt, sollte er lieber Calis’ Film sehen. Aber erst dann und sonst nicht!