Buchmesseimpressionen 2011: Helmut Krausser

Das muss man sich einmal vorstellen: Helmut Krausser, der große und wunderbare Helmut Krausser liest also am Buchmessendonnerstagabend im theater.FACT im Barthels Hof, dem großen und wunderbaren Barthels Hof also, der der letzte erhaltene barocke Durchgangshof Leipzigs ist. Alle anderen sind schlicht weg, also verbaut oder wurden in den letzten Jahrhunderten überdacht, sprich also zu den berühmten Leipziger Passagen gemacht. Im Barthels Hof ist das nicht so. Wenn es regnet wird man da nass. Also, wenn man im Hof steht. Im theater.FACT nicht. Es sei denn, es kommt eine Flut. Wenn z. B. der im Bau befindliche City-Tunnel-Leipzig plötzlich voll- und überliefe, dann sollte man nicht in diesem Kleintheater sein, denn es liegt im Keller. Ganz tief unten. Und dort unten liest also der große und wunderbare Helmut Krausser am Buchmessendonnerstagabend aus seinem im Februar bei Dumont erschienenen Roman Die letzten schönen Tage. 19 Uhr soll es losgehen. Ich also–schließlich kommt Krausser–meinen Döner beim ehemals besten Dönermann der Stadt, am Burgplatz, hintergeschlungen. Früher bekam man dort ohne Frage nach dem Verzehr der Speisen ein Glässchen Tee. Das scheint jetzt nicht mehr der Fall zu sein. Nicht nur die deutschen Sitten und Bräuche scheinen gefährdet. … Aber seis drum! Ich hätte ja so oder so keine Zeit gehabt darauf zu warten, dass ein Tee, der mir nicht schmeckt und den ich also fürchterlich überzuckern muss, um ihn überhaupt hinter zu bekommen, trinkkalt geworden ist, denn es ist schon viertel sieben, als ich zum Theater aufbreche. Dort angekommen. 1.) hält mir ein attraktiver junger Mann–ein anderer Gast (blaue Augen, 1,85 groß, mittelblonde kurze Haare, Drei-Tage-Bart, BMI um die 20, zwischen 29 und 37 Jahren)–die Türe auf (wie nett), 2.) spricht mich eine nette mittelalterliche Frau (BMI um die 25–also lustig) an. Sie sehe zwar so aus, als ob sie kassiere, aber sie stehe nur da, sei auch nur ein Gast, und für das Glas mit Kupfermünzen auf ihrem Stehtisch könne sie nichts. Es ist wohl freiwilliges Klogeld, denn der Eingang zur Toilette ist direkt daneben. 3.) Sagt man mir am Büchertisch, dass es keinen Eintritt koste. 4.) sind fast alle Plätze frei. … Moment! … Was? … Helmut Krausser veranstaltet seine einzige Leipziger Buchmessenlesung mitten in der Innenstadt, free of charge, hat im letzen halben Jahr zwei Bücher rausgehauen, und eine halbe Stunde vor der Lesung ist die Bude noch nicht einmal viertelvoll?

Ich treffe eine “junge Frau” (vielleicht knappe 40). Sie ist Krausser-Fan. Seit Jahren. Sie hat eine Freundin im Schlepptau, die sie überzeugen möchte. Wir fachsimpeln über vergangene Leipziger Krausser-Lesungen. Darüber, wie er früher ganz anders aussah, der Krausser. Mit Bikerhose damals bei der Lesung in der Galerie für zeitgenössische Kunst. Über die ausgelassene Lesung mit Georg M. Oswald damals im Designermöbelladen smow. Darüber, wie mal jemand Krausser nach einer Lesung die Frage zubrüllte, wo er denn Bea gelassen habe und dieser entgegnete, dass sie noch käme. Damals. Darüber, wie das mit Bea ja nicht so… Und überhaupt, dass er ja so viel getrunken habe um in einen Zustand der Produktivität zu gelangen… Alles aus den Tagebüchern. Ja, und jetzt muss er wohl eine neue haben, denn er hat einen Ring am Finger. Vielleicht trinkt er weniger und schreibt mehr? Als die Lesung beginnt, verschüttet Krausser erst einmal Wasser, wischt mit einer lindgrünen Serviette auf dem Tisch herum. Später wird er sie verwenden, um sich die Nase zu putzen. Aber er liest. Und ungefähr 20 Leute hören zu, bei der einzigen Krausser-Lesung der Leipziger Buchmesse, am Donnerstagabend im theater.FACT im Barthels Hof. Der junge Mann mit Drei-Tage-Bart sitzt allein auf einem Sofa und hört gebannt zu. Die junge Frau und ihre Freundin, die Klofrau, die die ganze Zeit lächelt, und auch ich hören, wie Krausser liest: Nicht desinteressiert, sondern nuanciert, sich in die drei unzuverlässigen Erzähler seines Romans gleichsam hineinversetzend–stimmlich und mental. Und das alles trotz Kraussers Erkältung und obwohl er angeblich nicht gern vorliest. Danach wird die junge Frau ihn loben, wie er sich gemacht habe. Wie er vor Jahren widerwillig und gelangweilt… Und jetzt! … Ach! Eine Freude! Viel besser, viel gekonnter, ist diese Lesung als alle anderen Lesungen, die ich dieses Jahr auf der Buchmesse erlebt habe. Krausser fordert dazu auf, ihm Fragen zu stellen. Dann signiert er artig, scherzt. Ich trinke mein Bier aus (unter drei Euro für einen halben Liter), sehe, dass der Drei-Tage-Bärtige noch auf seinem Sofa sitzen bleibt und breche auf, um im Angedenken an Patrick von Irland irgendwo an der Karli ein weiteres aber grün eingefärbtes Bier zu trinken.

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