Spinnt der Stadtrat total? Fahrverbot in der Leipziger Innenstadt

Habe ich das recht verstanden? Soll die Grimmaische wirklich auf gesamter Länge für Radfahrer gesperrt werden?


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Da hätten die Leipziger Lobbypolitiker den Vogel abgeschossen. (Man bemerke an der Stelle noch, dass allein die Grünen dagegen gestimmt haben.) Das würde nämlich bedeuten, dass es keine vernünftige Stadtquerung in Ost-West-Richtung für Radfahrer mehr geben wird, was die Regelung ad absurdum führt, weil sich kein vernünftiger Mensch daran halten wird. Allerdings wird sich so mancher Radfahrer über diese Regelungen so ärgern, dass er auf den verbliebenen Strecken nicht mehr so rücksichtsvoll fahren wollen wird wie bisher (und gerade diese besondere Rücksichtnahme auf Fußgänger hat den Radverkehr in Leipzig ausgezeichnet). Ich denke da nur an die Schillerstraße, den in der Karte gelb markierten prophezeiten Unfallschwerpunkt um Neumarkt und Reichsstraße, den Nikolaikirchhof und die Straßen um den Burgplatz.

Was kann man da tun? Protestpassantenslalomwettbewerbe auf dem Thomaskirchhof? Weg aus Leipzig? Mit dem Auto fahren? Die entsprechenden Parteien nicht mehr in den Stadtrat wählen? Interessanterweise haben Fakten im Vorfeld (“Die Polizei hat in einer Stellungnahme zum Konzept darauf hingewiesen, dass sie personell zu keinen verstärkten Kontrollen des Verkehrs in der Innenstadt in der Lage ist und dass die Unfallstatistik keine Beschränkung des Radverkehrs rechtfertige – und daher auf eine generelle Freigabe des Radverkehrs in der Innenstadt gedrungen” L-IZ) keine Wirkung auf den Stadtrat gezeitigt. Warum nur?

UPDATE: Torsten hat den Bericht aus dem Stadtrat, sieht die Sache aber m. E. zu positiv.
UPDATE 2: Die Lizzy schreibt über die Reaktion des ADFC.

19 thoughts on “Spinnt der Stadtrat total? Fahrverbot in der Leipziger Innenstadt”

  1. Ich sachs doch. Eine Ost-West-Achse des City-Tunnels muss her. Und die erste wird auch für Radfahrer freigegeben.

    Vermisse nur ich die Spur eines Konzepts? Das Verbot würde nur mit besseren Umfahrungsstrecken (Brühl, Goethestraße, Schillerstraße, Ring West) Sinn machen.

  2. Ja, die Grimmaische Straße wird gesperrt, aber nur von 11 bis 20 Uhr. “Nur” deswegen, weil es durchaus auch Forderungen gab, die Sperrung auf 9 bis 22 Uhr auszudehnen.

    Sich jetzt aufregen ist leider etwas spät: Es gab — seitens der Stadtverwaltung — ein ausführliches Anhörungsverfahren, in das sich ruhig ein paar FuZo-Radler mehr hätten einbringen können. So entstand halt der Eindruck, dass sich die meisten Innenstadtbesucher von Radfahrern gestört fühlen.

    Dennoch: Die Debatte im Stadtrat war — bis auf sehr wenige Ausnahmen — nicht gerade von verkehrspolitischem Sachverstand geprägt. Wen’s interessiert: http://www.rad-le.de/artikel/115-Stadtrat-beschliesst-zeitweises-Radfahrverbot-in-der-Innenstadt.html (und die zahlreichen weiteren Beiträge zum Thema dort).

  3. witzigerweise führt eine google-suche nach meiner momentanen dilektinduzierten lieblingsverballhornung zum zweiradservice dappen. So war das dann auch nicht gemeint

  4. Doch doch, es wird weiterhin eine vernünftige Stadtdurchquerung für Radfahrer geben. Einfach absteigen und das Stückchen zu Fuss gehen.

  5. Gibt es überhaupt tatsächlich Rüpelfahrer? Ich habe nie soetwas erlebt. Natürlich lassen sich Leute leicht von der Propaganda der Presse fangen. Sogar so intelligente wie *******. Aber wo sind denn die Belege für rücksichtslose Radfahrer in Leipzig?

    @Befirauri: Du hast Recht. Brühl: Tramschiene und Betonplatten. Goethestraße in Nordrichtung zu kurz und allgemein zu eng und in der Schillerstraße muss man in einer Richtung auf dem Gehweg fahren und gefährdet unsinnergerweise sich selbst und andere. Es gibt sicher fahrradfreundlichere Städte.

    @Torsten: Ich glaube nicht an Anhörungen. Das Ding war doch sicher ein Zugeständnis an Interessengruppen (Behindertenverband und andere). Schließlich sind wir in Leipzig. 😉

    @*******: Leider falsch übersetzt. 😉

  6. @Horatiorama: Ich hätte als Beleg zu bieten. Außerdem achte ich auf arg knappe Vorbeifahrmanöver, wenn ich in der Innenstadt bin, und mir fallen schon häufig welche auf.

    Natürlich hast du insofern recht, dass eigentlich nie wirklich etwas passiert: Verletzte Fußgänger sind sehr, sehr selten. Es ist mehr ein Wahrnehmungsproblem: Eng vorbei”rüpelnde” 😉 Radfahrer erschrecken Fußgänger und erzeugen so ein Unsicherheitsgefühl. So nach dem Motto: Das ist ja gerade nochmal gut gegangen. Dass der Radfahrer die Situation eigentlich gut unter Kontrolle hatte, wird nicht wahrgenommen.

    Was die Anhörung angeht: Sämtliche Einsendungen wurden ausgewertet und sind in einer Anlage des Konzeptes sogar tabellarisch aufgeführt — inklusive einer Abwägung, ob dem Vorschlag gefolgt wird oder nicht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass das nur Belustigung war, immerhin hat die Stadt einige Vorschläge aufgenommen (z. B. die stärkere Beruhigung der Burgstraße).

    Noch was zu den Alternativrouten: Der Brühl wird über kurz oder lang umgestaltet werden, zwischen Katharinen- und Hainstraße soll er ja sogar zur Fußgängerzone werden (Rad frei, also Schrittgeschwindigkeit). Dann werden wohl auch die Schienen und vor allem die parkenden Autos verschwinden.

    In Nord-Süd-Richtung finde ich die Route Reichsstraße-Neumarkt durchaus brauchbar, auch wenn sich einige Radfahrer wohl über das Naturpflaster in der Reichsstraße ärgern werden. Problematisch ist auch die Querung der Grimmaischen Straße, da gibt es eigentlich immer Konflikte mit Fußgängern.

    In Ost-West-Richtung gibt es zur Grimmaischen Straße keine wirkliche Alternative, die nicht kompliziert zu fahren oder zu weit nord- bzw. südlich wäre. Btw: Die Schillerstraße darf jetzt schon eine ganze Weile in beide Richtungen befahren werden, ohne dass man auf den viel zu schmalen Gehweg muss. Spannend wird, wie die Fläche zwischen neuer Mensa und Moritzbastei gestaltet werden wird. Die ist nämlich die wichtige Verbindung zum Augustusplatz.

    Und ja, ich sehe die Entscheidung positiv, weil Schlimmeres verhindert werden konnte. Natürlich hätte ich mir eine komplette Freigabe gewünscht (und mich mehr dafür eingesetzt als du 😉 ), aber bei der Stimmung war das leider nicht drin.

  7. @Torsten: Du hast sehr Recht bei dem was du schreibst. Vielen Dank auch für die Info. (Bin heute aus Gewohnheit in der Schillerstraße auf dem Gehweg gefahren…) Dass du die Entscheidung positiv siehst, ehrt dich. Letztlich ist das ganze allerdings ein Einschnitt bei den Rechten der Radfahrer in der Innenstadt, der sich eben nicht aus tatsächlichen Gefährdungen ableiten lässt. Insofern macht das ganze wieder einmal den Eindruck einer Posse. (Mir selbst ist das übrigens ziemlich schnuppe, da ich mich nicht an offensichtlich sinnlose Schilder halte. Bin halt nicht der Gehorsamstyp sondern denke auch gern selbst.) Auch glaube ich, und das habe ich zum Ausdruck gebracht, dass viele Leipziger Radfahrer die Stecken trotzdem nutzen werden. Schön wäre eben gewesen, wenn die Stadt auch Engagement im Sinne ökologischen Verkehrs gezeigt hätte. Schließlich hat die Stadt vor drei Tagen erneut die EU-Feinstaubrichtlinie gebrochen.

  8. Übrigens: Bisher war das Radfahren von 11 bis 20 Uhr in der Grimmaischen Straße von Neumarkt bis Universitätsstraße (momentan wg. der Bauarbeiten am Campus sogar bis zum Augustusplatz) auch nicht erlaubt. Ebenso in der Hainstraße. Dort ändert sich also nichts.

    Dass sich mit dem Verbot kaum etwas ändern wird, sehe ich genauso. Was mich vor allem ärgert: Mit dem Personal, dass Polizei und Ordnungsamt einsetzen sollen, um Radfahrer zu bestrafen, die dem Verbot trotzen, hätte man auch ohne weiteres dazu einsetzen können, lediglich die Rüpel-Radler rauszufischen. Aber das, und da stimme ich mit dir vermutlich überein, wäre nicht populistisch genug gewesen.

  9. “Gibt es überhaupt tatsächlich Rüpelfahrer?”

    Ja. Zuhauf.

    “Ich habe nie soetwas erlebt.”

    Ich war auch noch nie am Nordpol. Trotzdem soll es den geben.

    “Natürlich lassen sich Leute leicht von der Propaganda der Presse fangen.”

    Falsche Prämisse, denn

    “Sogar […] *******.”

    ich lese gar keine Lokalzeitung in dem Maße, als dass sie einen meinungsbildenden Einfluss auf mich hätte. Nicht aus Unvermögen oder Unlust, sondern aus Qualitätsgründen.

    “Aber wo sind denn die Belege für rücksichtslose Radfahrer in Leipzig?”

    Eigene Erfahrung “im Feld”. Und sicher gibt es hierfür auch irgendwo noch eine Statistik, die aber im Endeffekt weniger Aussagekraft für mich hat als die zahllosen Momente des “Gerade noch mal gut gegangen” (Thorsten), “Rumms” (Kinderwagen) und “Aua!” (*******).

  10. Mit dem “Zuhauf” wäre ich vorsichtig. Nach meiner (intensiven) Beobachtung verhalten sich etwa 15 Prozent der Radfahrer in den Fußgängerzonen unangemessen.

    Eine Statistik, die das belegt, gibt es aber nicht: Die Polizei hat sich darum bisher nicht gekümmert. Auch Unfälle sind, wie bereits geschrieben, eher die Ausnahme bzw. gehen so glimpflich aus, dass die Polizei nichts davon erfährt.

    Was nervt ist, dass nicht nur die 15 Prozent “Rüpel” bestraft werden, sondern auch die Radfahrer, die Fußgänger eben nicht gefährden, auch nicht subjektiv. Das ist tatsächlich unangemessen, weil es anders ginge, wenn man nur wollte.

  11. Naja, mein “Zuhauf” ist als objektive Angabe von Beobachtungsergebnissen genauso brauchbar wie Dein Kriterium “unangemessen”. Beides subjektiv, beides gleich sinnvoll.

    “Das ist tatsächlich unangemessen, weil es anders ginge, wenn man nur wollte.”

    Das wiederum interessiert mich: Welche Alternative schwebt Dir denn vor, die mir offensichtlich noch nicht eingefallen ist?

  12. @*******: Mensch, *******, sag doch, dass du selbst ein Opfer der Rüpelfahrer bist. Dann bekommst du doch gleich eine andere Credibility. Ich bin ein Opfer der Taxifahrer. Wenn es um ein Taxi-Verbot in der Innenstadt ginge, wäre ich auch sofort dabei. Auch beim Porsche-Abschleppen aus der Gottsched. 😉

    Aber Spaß beiseite.

    Was ich eigentlich sagen wollte: Deine Beobachtung ist für dich natürlich Realität. …

  13. @*******: Wenn eine Fußgängerzone für andere Verkehrsarten freigegeben wird, heißt das immer, dass die anderen Verkehrsteilnehmer nur Schrittgeschwindigkeit fahren und Fußgänger weder gefährden noch behindern dürfen. Das ist aber zum einen kaum bekannt (das sollte die Stadt mit Öffentlichkeitsarbeit ändern) und wurde zum anderen bisher gar nicht durch entsprechende Kontrollen durchgesetzt.

    “Unangemessen” meint in diesem Zusammenhang einen Verstoß gegen diese Vorschriften der StVO.

  14. Erm… Ihr sollt doch aber alle weiterhin in der Innenstadt Fahrrad fahren! Und euch erwischen lassen und Strafe zahlen. Burki braucht euer Geld! Wer zu geizig ist sich ein Auto anzuschaffen muss halt irgendwie anders ran.

  15. @Torsten: Dass es nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme geht, liegt auf der Hand.
    Nichts anderes habe ich behauptet. Wenn aber ein Teil der Verkehrsteilnehmer dieses Gebot permanent übertritt, also nicht aus eigener Einsicht begreift, dass die Regeln für *beide* nütztlich sind (die Einen werden nicht umgefahren, dafür können die Anderen die günstige Passiermöglichkeit nutzen), müssen diejenigen geschützt werden, die potenzielle Unfallopfer sind.

    Den Kollateralschaden “Umsichtiger Radler muss nun auch laufen” nehme ich dafür gerne in Kauf, zumal dies ein wahrlich kleines Opfer ist.

    Und: Weshalb muss eine Stadt “Öffentlichkeitsarbeit” betreffend der StVo leisten? Die haben die Verkehrsteilnehmer “Radfahrer” in Eigenleistung kennenzulernen, oder irre ich mich da?

    @Horatio: Wieviele Taxen haben Dich bisher angefahren, weil Sie in einer Fußgängerzone unterwegs waren?

    Und zum Thema Determinismus durch empirische Realität: Ich bin nicht nur als Fußgänger angefahren worden, sondern habe auch schon als schiebender Radler Erste Hilfe leisten müssen; der Unfallverursacher hat sein Recht auf freien Aufenthalt gewählt und sich gepflegt verpisst.

    Also erzählt mir mal nix von Credibility und “beschnittener Freiheit”; wenn ihr revoluzzern wollt, sucht euch was sinnvolles raus und empört euch nicht über die wenigen Stadtratsbeschlüsse, die wirklich was taugen.

    In diesem Sinne: Ho-Ho-Ho!

  16. @*******: Doch *******, ich erzähle dir von Credibility. Dein Fall ist offensichtlich ein Einzelfall, dessen Exemplarität sich nicht von irgendwelchen objektivierbaren Fakten oder der Polizeistatistik stützen ließe. Weil dem so ist (und weil es noch andere, bereits erwähnte, Sachverhalte gibt (Öko, pragmatische, verkehrsplanerische…)), ist dieser Stadtratsbeschluss zumindest hinsichtlich des Fahrverbotes für Radfahrer ein ganz großer Blödsinn und ein Ärgernis obendrein.

    Hoffentlich schiebt der Weihnachtsmann sein Rad. 😉

    Frohes Fest!

  17. Inwiefern meine Erlebnisse oder Deine Nicht-Erlebnisse repräsentativ oder statistisch gestützt sind – das Verbuchen wir einfach unter “Grundprobleme der Epistemologie”. Wobei: Wenigstens zu 15% stimmt mir Torsten ja zu 😉

    Aber um zum Abschluss mal auf die Metaebene zu gehen: Ich finde es äußerst angenehm, wie sachlich und relativ trollfrei in der Leipziger Blogosphäre disputiert werden kann.

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