Und abends gehen wir nicht mehr in das Horns / die Ilse / das UT / …

Und abends gehen wir ins Horns, um dort festzustellen, dass es irgendwie ziemlich leer ist, weil die Premiumklasse der Klubbesucher–wenn man das so nennen darf–gar nicht so groß ist und sich inzwischen über ganz Leipzig verteilt. Das war früher nicht so. (Was nicht heißen soll, dass es besser war, sondern lediglich, dass sich die Ausgangslage verändert hat.)

Jetzt geht man nicht mehr in die Ilse, um dort alle zu treffen. Nein, man geht ins Kultiviert Anders! oder ins Victor Jara. Auch im Sweat Club wird man fündig und im Café Knicklicht feiert man große Parties. Allerdings gibt es keine festen Szene-Zentren mehr. Die ganze studentische Nachtkultur-Suppe ist breit gelaufen. Das Problem dabei: Die Stadt gibt diese Entwicklung nicht wirklich her. Die von Banden kontrollierten Drogenumschlagplätze Teenie-Schubsen in der Innenstadt mögen voll sein, wie sie wollen, das leicht alternativ-subkulturelle Publikum indes ist in Leipzig zu klein. Eine starke Profilierung muss folgen–oder ein Gesundschrumpfen. Wann macht die Ilse zu? Oder spielt man dort doch wieder jeden Donnerstag Indy-Rock (um eine ganz bestimmte Zielgruppe aus der ganzen Stadt zu ziehen)? Oder übernimmt der Sweat Club diese Rolle auf Dauer? Wo ist ein szeniger Ort, an dem immer Minimal auf dem Plattenteller liegt? Wo bleibt der Nachfolger der Homo Elektrik? Wo bleiben die neuen Konzepte? Klar kann man in einem Wächterhaus regelmäßig auflegen (natürlich nur elektronisch, weil alles andere uncool ist) und sich selbst feiern. Doch scheint mir da die Substanz (Nachhaltigkeit, echte Investitionen und festes Engagement) völlig zu fehlen.

Die alten scheinen müde (Warum mach die Ilse keine Dependance in Schleußig auf?) und die jungen offensichtlich mit halben Sachen zufrieden.

Oder nicht?

4 thoughts on “Und abends gehen wir nicht mehr in das Horns / die Ilse / das UT / …”

  1. Zu kurz gesprungen, wie ich finde. Es ist wie so häufig das liebe Geld. Jeder Klub muss über die Runden kommen, auch die neuen. Die Club-Besucher aber auch. Die Preparty-Attitüde (zusaufen und dann erst weg gehen) sowie der relativ ungebrochene Trend zu großen bis überdimensionierten PrivatSchrägstrichHausparties mit billigem, wahlweise auch mitgebrachtem Alkohol sind das eine, teure Club-Mieten (ergo höhere Eintrittspreise, ergo weniger Besucher) für Kulturschaffende das andere.

    Und das Horns ist auch nicht immer so leer wie vergangene Woche. Echt. Und man kann auch nicht immer eine fette Fete erwarten, wenn man weg geht.

    Da die Südvorstadt nun mal nach Schleuwitz mäandert ist, ist jetzt auch das Nachtleben breiter aufgestellt, zum Leidwesen der alten Ilse eher weg von 04277 nach 04229 und auch nach 04109. In 04317 geht entgegen aller Erwartungen immer noch nicht viel.

    Und die Marktbereinigung, der du implizit das Wort redest, ist die wirklich einem Fehlen an Kuscheligkeit in der vormals so heimeligen Südvorstadt geschuldet und einem “Früher war alles besser”? Ich persönlich finde es gar nicht so schlimm, wenn es viel Konkurrenz gibt, auch über die ganze Stadt verteilt. Die Kehrseite sind dann eben Nieten, wenn man nicht flexibel ist. Aber nur ein Profil, wie von dir gewünscht, kann sich ein Club nun auf Dauer nicht leisten. Das geht vielleicht in Berlin, in Leipzig definitiv nicht. Das war aber schon immer so. Frag mal in der Ilse.

    Am besten sind bislang die Veranstalter gefahren, die sich rar gemacht haben. Die Besucherzahlen von größeren, alle zwei bis drei Monate steigenden Groß-Feten wie Exlastic oder Baikaltrain (ja, völlig andere Zielgruppe, aber beide mit 2 Euro fürs Bier) sprechen für sich. Aber auch der Polyesterclub brummt, egal wie häufig und wie billig gemacht. Derzeit ist eben auch Location-Scouting angesagt, wenn man drei Jahre in der Stadt ist, will man eben auch mal ins Hotel Pologne, in die Hauptpost oder in den Felsenkeller um zu feiern. Diese Parties sind meist relativ teuer und ziehen trotzdem wahnsinnig viel Publikum, weil exklusiv. Und um kurz die musikalische Seite zu tangieren: Die Gigs des Schubladenkonsortiums stehen Leipzig definitiv gut zu Gesicht, eben in wechselnden Locations.

    Wiederum merkt man an Abszenzen der Angebote “Ausgehtipps von heldenstadt.de” und dem Podcast Livewächter, dass es anstrengend ist, die Highlight zu covern, auch und gerade weil sehr viel los ist.

    Und sowieso empfehle ich dir einen Ausflug nach Dresden. Dort gibt in meinem präjudizierenden Erleben die Neustadt und sonst nüscht. Also, das kann es nun auch nicht sein.

    So, und jetzt haben wir uns wieder lieb. Zur nächsten guten, definitiv Erfolg versprechenden Party gehn wir gemeinsam. Oder?

  2. “Wann macht die Ilse zu?” – Also bitte. Erst nachdem ich erfolglos sammeln war, soviel ist klar.
    Das Fehlen der Ausgehtipps drüben beim Bruder Heldenstadt und den Livewaechtern liegt nicht am steigenden Schwierigkeitsgrad der Ausfilterung guter Veranstaltungen, sondern allein am Zeitmangel bei den Autoren. Je mehr los, desto leichter war es stets.

  3. Mhh. Ein bisschen hart der Text (ich wünsche keinem Club das er zumachen muss) aber von der Sache her eigentlich gut. Was mir fehlt ist ein bisschen der Altersbezug.
    Wir vier sind ja wohl das was man “älteres Semester” nennt und das spielt zumindest bei mir immer mehr mit rein.
    Der Sweat-Club z.B. spielt eigentlich das was ich zumindest teilweise “meine” Musik nennen würde, nur war mir bei meinen Besuchen dort das junge Gemüse irgendwann echt zu anstrengend.
    Die Tille wiederrum ist in Ihrem natürlichen Schweinezyklus grade wieder am unteren Ende angekommen und geht momentan fast gar nicht (pillenfressende Markleeberger Golffahrer in großer Zahl machen die Stimmung schnell kapputt), im Horns habe ich zwar oft aufgelegt und fands nett, aber so hingehen würde ich aus irgendeinem Grund auch nicht unbedingt, CI hats bei mir irgendwann versch…, das Exlastic war zum Schluss auch nicht mehr doll (Die DJs wurden zu beliebig)… Ach, alles doof, ich hatte in letzter Zeit viele, viele Wochenenden in denen ich Lust hatte wegzugehen und das dann mangels Angeboten die mich wirklich gereizt haben doch nicht gemacht habe.
    Jedenfalls, für Insidertipps bin ich auch extrem empfänglich, hab aber selber keine. Doof.

  4. Danke euch für die Kommentare. Interessant ist, dass Befilauri die Lage ganz anders wahrnimmt. Vielleicht hat das auch mit der Motivation für Klubbesuche zu tun.

    Ich will eben ganz gern so etwas wie einen Haus-Klub haben. Und bei diesem Klub sehe ich, dass er aufgrund irgendwelcher Variationen des Angebots für mich zunehmend uninteressant wird und aber leider für andere nicht unbedingt interessanter. Ich rede vom Ilses Erika. Der Traditionelle Besuch nach meiner Geburtstagsfeier, der früher ein Muss und sicher auch ein großer Spaß war, ist inzwischen ein Risiko. Anyway. Ein Wechsel anderswohin bietet sich nicht an, da dort die Lage gleich ist. Ja, ich bin vielleicht nicht so mobil. Muss ich aber auch nicht. Denke auch nicht, dass ich da der einzige bin. Und dass es keine feste Kundschaft mehr für die Einrichtungen gibt (du sprichst da vom Location-Scouting), spricht da auch Bände über die Zufriedenheit mit den existierenden Angeboten.

    Looza hat sicher auch Recht mit seiner Betrachtung zum Alter. (Vielleicht wäre das ja auch eine günstige Profilierung: ein Klub, der sich nicht opportunistisch nach der aktuellsten und massentauglichsten Mucke und dem Partyvolk richtet, also versucht aus der Masse zu schöpfen, sondern aus der kleinen Ecke der Leute mit speziellem Musikgeschmack.) (Um da mal DJ T**** zu zitieren: “Die Leute tanzen nur zu Scheiße, und wenn man mal was vernünftiges auflegt, dann nölen die rum, weil sie es nicht kennen.”)

    Kurzum glaube ich nicht, dass sich die Szene, so wie sie sich jetzt gibt, auf Dauer halten kann. Baikaltrain, Polyesterclub, werden sicher Bestand haben–so schlecht und unnachhaltig sie auch gemacht werden. Bestimmte Klubs werden es so nicht schaffen.

    PS: Natürlich kann es sich auch im die Nölerei eines älter werdenden Menschen handeln, der es nicht mag, dass sich die Welt verändert, der sieht, dass die Partys früher besser waren, was nicht daran liegt, dass es die Klubs waren, sondern daran, dass er jünger war… Anyway, die leeren, nach Luft und Geld schnappenden Klubs bleiben als Faktum bestehen, und sind ein Symptom für etwas, das auch objektiv da ist.

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