Auf der Buchmesse kann man auch die Flaneurie versuchen. Hat man keine Lesungen zu besuchen, weil man schon unglaublich viele wichtige Autoren gesehen hat oder erst einmal eine Pause einlegen möchte, kann man einfach durch die Hallen bummeln, ein paar Literaturbeilagen bei den Tageszeitungen mitnehmen und sie miteinander vergleichen. Man kann zum Beispiel kucken, welche Tageszeitung in ihrer Buchmessenbeilage keine Rezension des Buchmessenpreisgewinners Belletristik, Clemens Meyer, anbietet.

Man kann aber ebenso gut etwas zu sich nehmen. Die Auswahl ist groß. Ich kenne Leute, die allein deshalb jedes Jahr zur Buchmesse fahren, weil sie den Genuss der obligatorischen Buchmessenbratwurst in einem der “Restaurants” zwischen den Hallen so herrlich dekadent finden. Die Wurst macht im Allgemeinen einen erbärmlichen Eindruck und doch ist sie nur für einen königlichen Preis zu haben. Falls man auf etwas anderes Appetit hat, findet man nicht nur Crêpes-Stände an jeder Ecke (der Duft verkohlter Stärke ist im Umkreis von zwanzig Metern zu riechen) sondern eben auch exotische asiatische Kost. Ist man gestärkt und hat doch keine Lust, sich wirklich ernsthaft mit den ausgestellten Dingen oder den Ausstellern zu beschäftigen, bleibt einem noch, die Leute zu beobachten und besonders nach bekannten Personen Ausschau zu halten. Gestern hätte man beispielsweise Herrn Escher (siehe Flop gestern) beim Eulenspiegel sehen können. Man hätte Winfried Glatzeder dabei beobachten können, wie er alte Freunde wiedertraf oder Wolfgang Stumpf, wie er durch die Röhre lief, in der später ein zerbrochenes Fenster ausgewechselt werden musste. Vielleicht hätte man sogar den großen Helmut Krausser in Halle 3 erblicken können.
Letztendlich interessiert das sicher niemanden. Jedoch: nicht das Beobachtete ist wichtig beim Bummeln, sondern der Akt des Bummelns und der Akt des Beobachtens. (Versuchen Sie es, geneigter Leser! Bummeln Sie doch auch einmal über die Buchmesse!)
Top/Flop/Tipp für Samstag, 15. März 2008
Top: Die Riesenmaschine läuft und läuft und läuft. Ihre Redakteure indes hocken in einer kleinen Kiste auf der “Leseinsel Junge Verlage” in Halle 5, Stand D200. Dort gehen sie ihren Geschäften nach, schreiben und reden. Ein lohnender Anblick ist es, gerade auch zusammen mit dem Programm auf der Leseinsel und den Ständen der jungen Verlage drum herum. Heute ist dort zum Beispiel Christian Hawkey zu hören. Er liest aus seinen Gedichten. Der Amerikaner ist so etwas wie ein modernerer, ein urbaner Ted Hughes. In seinen Gedichten gibt es ganz starke Bilder, die voller Mythologie sind. Immer wieder wird das Äußere der Natur auf das Innen unseres Seins verschoben. Außerdem heute dabei: Volker Strübing und Leo Leowald (!)…
“Autobahn geht gar nicht”: Wenn es nicht inzwischen, wie eine geplante Demonstration, abgesagt ist, wird von 12.30 Uhr bis 13 Uhr ein Interview mit Eva Herman stattfinden. Titel “Treibjagt auf familiäre Werte?” Untertitel: “Warum der Einsatz für traditionelle Familienwerte bei einigen Medien und Politikern geradezu Hysterie auslöst.” Saal 2, Congress Center.
Tipp: Der Berlin Verlag veranstaltet im Gohliser Schlösschen eine Lyriklesung. Mit dabei: Matthew Sweeney, der irische Lyriker, und Jan Wagner, der deutsche Autor und Übersetzer. 19 Uhr.
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