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Selbstmord ist keine Kunst: “Wo bleibt denn da die Pietas?”

Jane will sich das Leben nehmen. Die letzten neunzig Tage möchte sie in ihrem Blog dokumentieren. Ob sie es wirklich tun wird oder nicht, weiß niemand. Wer es ist oder was es ist, weiß auch niemand. Gerätselt wird in der Bloggosphäre. Mal schauen.

Das junge Ding hat sich schon das richtige Kleid für ihren großen Tag herausgesucht und dokumentiert es auf YouTube.

Oops, das war nur ein Nachahmer. Das Original ist hier. Da sieht man auch ganz gut, dass poor Jane nicht alleine filmt–einer der vielen Hinweise darauf, dass es sich um eine Werbekampagne oder ein Kunstprojekt handelt.

Falls es sich um Kunst handelt, scheint das Prinzip klassisch und im doppelten Sinne web-2.0-ig. 1.) Die Vernetzung über alle Kanäle, über Blogs und Youtube wird genutzt, um das Projekt bekannt zu machen (virales Marketing). Mit einem zugleich “skandalösen” (Selbstmord) und dem poetischsten Thema überhaupt–dem Tod einer schönen Frau (vgl. Poe)–gelingt dies besonders gut. 2.) Die “Weisheit der Vielen” (hier: “Das Getuschel der Vielen”) wird für das Projekt genutzt. Spätestens seit John Cages 4’33″ ist das Thema in der Kunst jedoch abgedroschen. Natürlich ist das eigentliche Kunstwerk der Hype um den Selbstmord; die Kommentare im Blog, die entweder bestürzt, sarkastisch, …, religiös, oder zustimmend wirken; die Reaktionen und Antwortvideos bei YouTube; das Echo im Bloggerwald an sich. Alter Wein in Web-2.0-Schläuchen.

Es sei denn, natürlich, Jane hieße wirklich Jane, wollte sich in der Tat das Leben nehmen, das ganze wäre keine Kunst. Dann wäre es zwar auch nicht neu, aber auf einer menschlichen Ebene traurig. Wollen wir hoffen, es ist das kleinere Übel: schlechte Kunst.

Update 2008-02-15: Wir werden auf den Crazy-Jane-Effekt lange warten können. Die Kiste ist aufgelöst, das Blog verschwunden. In der Auflösung (dem letzten Eintrag), schreibt Jane:

My closeness to this project must have made art seem like reality to many people. That is not a reaction that I expected nor can I morally justify. This is why my project, 90DayJane, will be taken down in the next few hours. [...] 90DayJane was meant to mirror the tragic figure, Christine Chubbuck. Newscaster Christine Chubbuck committed suicide in 1974 by shooting herself in the head live on air. She was very vocal about her depression to those around her and gave every indication of her exact intentions leading up to the event. Sadly, no one reacted or helped Christine and those left behind could only ask “why”. [...] Her story both inspired and terrified me because I can truly empathize with her rage and even her isolation. I wondered how Christine’s life and subsequent suicide would play out in our time. Would the internet be yet another place of isolation to her or an escape? [Quelle]

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