Am Morgen des Buß- und Bettag sitze ich vor den CDs der Woche. Gerade aufgestanden und schon ganz gespannt, was die Musikredakteure bei SpOn herausgekramt haben. Ungekämmt, erste Tasse Kaffee in der Hand. Es klingelt. Noch einmal. Noch einmal. Immer wieder. Ich bin alarmiert. Am Feiertag? Wer kann so aufdringlich sein. Sofort überlege ich, was ich schnell verschlucken müsste, käme jetzt der Zoll oder die Bundespolizei. Aber da ist nichts, was ich verschlucken könnte und müsste. Ich erhebe mich also gemütlich vom Rechner und stapfe zur Tür um in die Sprechanlage zu hören. Allerdings ist da nichts zu hören, denn es geht nur eines: klingeln oder sprechen. Und es klingelt. Es kreischt. Ein Tönen, dass ich von der Nostomo kenne. Oder auch von anderen Raumschiffen, bei denen der Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert wurde. Bei mir gibt es keine Ansagen. Nicht “noch 1,5 Minuten bis zur Sprengung Ihrer Mietwohnung”. Kein “bitte benutzen sie die Fluchtkapseln”. Nichts. Nur das Lärmen des Gerätes. Ich werde langsam wach, öffne das Fenster um zu sehen, wer denn da vor dem Haus mit dem Finger an der Klingel steht. Zwei Menschen mit Mappen auf dem angewinkelten Arm. MDR? Zoll? Zeitung? Definitiv keine Staubsauger! DRK? Johanniter? Aber die sehen immer so praktisch angezogen aus. Mein potentieller Feiertagsbesuch trägt dunkel. Das Läuten stoppt. Am Hörer ein junger Mann, der sich entschuldigt. Die Taste sei hängen geblieben. Kein Problem. Danke für das Herausziehen. Am Buß- und Bettag seien viele Menschen irgendwie naja - so richtig habe ich mir das nicht gemerkt. Irgendwie geht es darum, dass viele so ins Leben geworfen seien und einen Führer brauchten. Oder einen Ratgeber. Das ist eigentlich trivial. Ob denn die Bibel so ein Ratgeber und Begleiter sein könne. Oh nein! Schlimmer als Zeitungs-, Staubsauger- und GEZ-Drücker zusammen! Ich tippe auf die Zeugen. Aber die beginnen doch immer mit persönlicher Betroffenheit. So nach dem Motto: “Wir möchten gern mit Ihnen über IHR Leben reden.” Oder “Es geht um etwas für SIE sehr wichtiges.” Aber vielleicht gibt es bei denen einen neuen PR-Chef und man versucht etwas revolutionär neues. Wer weiß? Ich denke an das Telefonmarketinggegenskript, dass ich noch nie anwenden konnte. Ich denke daran, wie unverschämt ich unangekündigte Geschäftskontakte an der Tür und am Telefon finde. Ich denke daran, wie die armen Schweine am Feiertag nichts anderes zu tun haben, als durch das Viertel zu tingeln um Leute in Gespräche zu verwickeln. Ich denke daran, dass es Leute gibt, die sich verwickeln lassen, die fortan irgend einer Kirche Geld geben werden, die sich vielleicht gegen Blut- und Organspenden, gegen Homosexuelle und Rockmusik aussprechen werden. Ich denke an einen Freund, der die Zeugen mal in seine Küche ließ um mit Ihnen die Existenz Gottes auszuloten, bis die Besucher schließlich aufgeben mussten und ziemlich verzweifelt die Wohnung verließen. Ich denke daran, dass ich eigentlich in die CDs der Woche hören möchte. “Danke, Bibel habe ich schon. Ich wünsche noch einen schönen Feiertag. Auf Wiedersehen!”
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2 Kommentare
CDs der Woche ist eine schreckliche rubrik. die cd auswahl finde ich sowas von merkwürdig.
Zusammen mit den Playlists von BBC6 und XFM bin ich ganz gut informiert über das, was mich musikalisch interessiert. Aber es ist eben meist Gitarrengeschrammel.
Andere Geschmäcker haben beim Spiegel Pech…
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