Aus der Reihe “Horatiorama bei Heldenstadt”: ToT – Der MDR feiert sich und sein Publikum

Es ist 9.30 Uhr. Vorm Haus diskutieren ältere Menschen aus dem Umland, ob es denn zu diesem besonderen Anlass okay wäre, in der zweiten Reihe zu parken. Leute stehen auf dem Bürgersteig und schaffen es nicht, die Straße zum Aldi zu überqueren. Was ist passiert? Der Heimatsender feiert seinen Tag der offenen Tür. Zur großen Einzugssause des MDR nach der Umwidmung des alten Schlachthofs im Jahr 2000 waren die Nachbarn nicht eingeladen, sie sammelten sich vor dem verschlossenen Tor am Ende der Kantstraße und beobachteten von dort ein spektakuläres Feuerwerk. Aber man veranstaltete einen Tag der offenen Tür. Der gab und gibt (denn er wiederholt sich) allen die Möglichkeit zu sehen, wie es bei den Öffentlich-Rechtlichen aussieht. Man erstaunt sich über Wasser im Hochhaus, man freut sich über B- und C-Prominente. “Stars” aus Funk und Fernsehen werden aufgeboten als Verkünder einer verzerrten Medienrealität. Für den MDR ist das eine ganz wichtige Sache. Schon geraume Zeit stehen auf dem Gelände die großen Veranstaltungszelte. An kleineren Aufbauten wurde gestern Abend noch geschraubt. Jetzt ist es soweit. Autos aus den Vororten und dem Umland blockieren die südliche Südvorstadt östlich der Karl-Liebknecht-Straße.

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Die “Stars” des MDR verteilen Autogramme.

Vorsorglich hatte der MDR schon einmal Zettel mit dem Hinweis auf eventuelle Geräusch- und Verkehrsbelästigung am Freitagabend (MDR-Sommerfest) und Samstag an die Haustüren umliegender Häuser geklebt. Die 240 Meter bis zu mir hat man nicht geschafft, auch wenn inzwischen so ziemlich jede Parkverbotszone innerhalb von 500 Metern um den Eingang zum MDR-Gelände zugestellt ist und im Aldi gegenüber vielleicht der Umsatz einbricht, weil Einkaufswillige keinen Parkplatz mehr finden oder schlicht den Gang über die Straße scheuen.

Seis drum! Gefeiert werden muss ja einmal. Was gibt es beim MDR also zu sehen? Zuerst einmal sieht man nicht, sondern isst erst einmal. Ja, es gibt Rostbratwürste, Gemüsepfannen, Mutzbraten, ja sogar Knabbereien, Getränkestände und und und. Nach erfolgreicher Stärkung muss dann weiterkonsumiert werden: Plüschfiguren von Bernd dem Brot oder Krtek, dem kleinen Maulwurf, werden zum Sonderpreis verscherbelt. Dann gibt es Kinderbelustigung. Ein Moderator mit übernatürlich hoher Stimme stellt Kindern auf einer Bühne Fragen zu Pippi Langstrumpf und Konsorten. Mindestens zwei Tor(wänd)e gibt es (von Hier ab Vier und von einem Radiosender, der dieser Aktion einen eigentümlich fast germanisch-mythologischen Namen gibt).

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Bestimmt kein Verweis auf Mjölnir.

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Das Wetter beim Heimatsender ist gut.

Und es gibt Schlangen. Riesige Schlangen über den gesamten Hof. Da gibt es eine Schlange für die so genannte “Panoramatour”, bei der man einmal mit dem schicken aber fast unnützen Außenfahrstuhl des Hochhauses nach oben fahren kann, um einen Blick über die Stadt zu werfen. Die zweite Schlange führt durch Studios, Redaktionsräume und die Regie. Kleinere Schlangen stehen vor den Damentoiletten.

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Essen, schauen, Autogramme: Man freut sich.

An einem winzigen Stand wird in einem der Gebäude dann tatsächlich über Dinge wie Handy-Fernsehen oder Internetaktivitäten des MDR informiert. Man muss vielleicht ein bisschen suchen, um ihn zu finden.

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Auf der Hauptbühne erklärt man gerade die Senderphilosophie, mit der man immer noch nicht baden geht.

Nicht suchen muss man, um Nahrung, Merchandising oder Bühnen mit aberwitzig seichtem Programm zu finden.

Man kann sagen, dass der Heimatsender heute eine Einrichtung zum Anfassen war. Man kann aber auch sagen, dass man nicht alles anfassen sollte.

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Auf der Bühne sieht man zwei Männer, die ihre Hände komisch halten,…

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…viel ist aber nicht dahinter.

PS: Der MDR feierte sich heute auch noch einmal mit einer eigens zum Tag der offenen Tür produzierten Sendung. Was mir dabei am meisten Angst machte, war, dass der darin brillierende Jörg Kachelmann nicht nur das gleiche Shirt anhatte wie ich, sondern auch die Haare ähnlich trug.

Dieser Beitrag ist ein Spiegel. Das Original erschien bereits am 15. September 2007 bei Heldenstadt.de. Dort kann der Text auch kommentiert werden.