Die schreibende Juristin und vielleicht-noch-Leipzigerin Juli Zeh beschäftigt sich im groß angelegten Kultursommerlochinterview der Lokalpresse mit der Stadt, in der sie jetzt wohl lange genug gelebt hat. Es resoniert tatsächlich ein bisschen im Blätterwald. Vielleicht gibt es im Moment wirklich keine anderen Kulturthemen.
Literarisch sei Leipzig längst tot. Diese Aussage ist der Grund, warum man über das Interview spricht. Aber erstaunlich ist sie nicht. Die Entdeckung Zehs kann nur deshalb eine Entdeckung für die Juristin sein, weil sie vielleicht, so meine Vermutung, zu stark um sich selbst gekreist ist und sich in der Zeit, als sie Leipzig noch lebendig fand, nur im Dunstkreis von DLL-Studenten und angeschlossenen unterwegs war.
Ich wage die überspritzte These: “Leipzig war literarisch nie lebendig. Juli Zeh aber auch nicht.” In den letzten Jahren gab es eine Reihe kreativer Leute, die einiges literarisch bewegt haben, die versucht haben, aus dem engen Kreis der DLLer auszubrechen. Da seien beispielsweise Claudius Nießen und Christoph Gräbel genannt, die einmal mit der Literaturshow Turboprop im Ilses Erika ganz erfolgreich waren. Zugegebenermaßen scheinen weder die Show noch der Klub mehr besonders attraktiv und aktuell zu sein. Zugegebenermaßen war das Publikum dieser Show auch schätzungsweise zu zwei Dritteln aus DLLern rekrutiert. Trotzdem gab es aber auch einen Austausch mit anderen Leipzigern.
Geht man in Leipzig einmal ins Haus des Buches, wird man feststellen, dass es mit dem Publikum oft auch nicht so gut bestellt ist. Ich habe dort Veranstaltungen erlebt, bei denen das gesamte Publikum in die erste Reihe gepasst hätte. Da muss schon ein alternder DDR-Schriftsteller antanzen, oder ein drittklassiger Schauspieler einer viertklassigen Familienärzteserie vorlesen, um die Bude voll zu kriegen. Das passiert zuweilen.
Ansonsten war Leipzig literarisch nie lebendig. Juli Zeh aber auch nicht:
Ich bin menschenscheu und fange in meinen eigenen Leipziger vier Wänden gerne an, in Schleifen zu denken, auf der Stelle zu treten – und dann kann ich nicht mehr schreiben.
Das verriet die Juristin dem Bücher Magazin. Was sie schreibt, wenn sie schreibt, wissen vielleicht die wenigsten. Ich habe einmal im Freundeskreis herumgefragt und festgestellt, dass zwar jeder den Namen Juli Zeh kennt, kaum aber einer irgendetwas von ihr gelesen hat. Ich gehöre zur selben Masse. Für mich ist sie diese DLL-Frau, die gern mit Hund an der Leine in Leipziger Straßen oder sonst wo in Leipzig für Fotografen oder Filmteams posiert und immer betont, dass sie in Leipzig wohnt und nicht in Berlin, Hamburg, München oder Köln. Juli Zeh, wird dann immer gesagt, lebe in Leipzig. Ein Alleinstellungsmerkmal schien es zu sein. Eine Marke, eine Verpackung, unter der sich allerdings nicht viel zu verbergen schien. Vielleicht wurde ihr das jetzt auch klar. Vielleicht wurde klar, dass es die weite Literaturwelt lustig findet, wenn so eine recht junge Frau in so einer Stadt wie Leipzig lebt, die eben keine szenigen Literaturcafés zu bieten hat, dass dies aber kein verstärktes Interesse an den Werken der Juristin nach sich zieht.
Ansonsten war Leipzig literarisch nie lebendig. Juli Zeh aber auch nicht.
Im literarischen Kultursommerlochinterview, das Peter Korfmacher von der Tageszeitung der Region mit dem “literarischen Aushängeschild” (*lach*) Leipzigs machte (LVZ, 3. Aug. 2007, 9) sagt Juli Zeh, dass sie jetzt in die brandenburgische Provinz ziehen will. Dorthin, wo es keine Infrastruktur gebe, kein Internet. Wohl aber ein schwules Paar, das–man staune–bisher von brandenburger Nazis verschont geblieben ist. Auch eine lesbische Dreiecksgeschichte gebe es dort. Was mir wirklich ganz bitter an dem Interview mit der Juristin aufstößt, ist ihr Kreisen um sich selbst. Die meisten Freunde und Bekannten Zehs seien weggezogen. Sie generalisiert also, dass eine Art kreativen Ausblutens in der Stadt zu beobachten sei. Wenn man nur die eigene selbstreferenzielle Clique kennt, dann mag das tatsächlich so wirken.
Ansonsten war Leipzig literarisch nie lebendig. Juli Zeh aber auch nicht.
Neulich im Chat sagte mir jemand, dass Juli Zeh “einen an der Klatsche” habe. Das fand ich schön formuliert; würde es aber nicht unterstützen wollen. Juli Zeh hat bestimmt KEINEN an der Klatsche. Das kann ein Problem sein. Vielleicht ist sie einfach zu einfach. Einfach eine Juristin, die etwas schreibt (damit ist sie dann auch Schriftstellerin), das nicht schlecht ist und das Leute lesen (was mich freut). Vielleicht versteht sie einfach nicht, dass es normal ist, dass so eine schöne Nachstudienzeit in Leipzig auch einmal zu Ende geht, dass man nicht ständig die gleichen tollen Literatur-Events wiederholen kann, dass man vielleicht auch einmal selbst aktiv werden muss (Das ist das, was ich mit “Juli Zeh aber auch nicht” meine. Die Stadt ist literarisch so lebendig, langweilig oder tot wie ihre Autoren.) und dass man vor allem auch älter wird.
Ansonsten war, ist und bleibt Leipzig literarisch nicht lebendig. Was Juli Zeh jetzt machen wird, ist mir nicht klar. Am zwölften August startet vielleicht ihr großer Durchbruch im Bahnhofsbuchhandel, weiß Marcuccio, denn der in der LVZ angegebene Erscheinungstag ihres Buches ist ein Sonntag. Welche Läden haben denn da geöffnet in der literarisch toten Stadt und anderswo? Vielleicht gehe ich mal auf den Leipziger Hauptbahnhof und fotografiere die sicher zu erwartende riesige Schlange auf dem Querbahnsteig.
Und dann freut sich ganz Deutschland ja auf die erste Lesebühne im nicht näher benannten neuen Domizil von Juli Zeh. Vielleicht gibt es da ja Schnittchen von der Dreiecksbeziehung, Kaffee bei den alten Schwulen und einen aufregend frischen Text von Frau Zeh. Zwischenzeitlich wird man das Sommerloch in Leipzig mit dem großen Aufschrei des Entsetzens in der Stadt und der Häme von außerhalb überbrücken. Hauke von Grimm schreibt heute in der LVZ auch schon wieder zum Thema, wie das Feuilletonpressegespräch des D-Radios verrät. Ich gebe mir das erst einmal nicht.
[Foto: Mariusz Kubik, Krakau, 23.10.2006 | Hörprobe aus Juli Zehs Roman Schilf hier | das Buch bei Amazon | Ich betone, dass Juli Zeh selbst sehr wohl eine lebende Schriftstellerin ist.]
UPDATE (2007-8-21): André Hille schrieb im Kunststoff-Magazin auch über Zeh.




3 Kommentare
Now we are talking.
»Kultursommerlochinterview« – gut getroffen, so sieht’s aus.
Aber in einem Spiegelartikel von ihr (und auch hier) stand mal, dass sie »in Leipzig und Zagreb lebt«, wie auch immer dieses und jetzt gemeint war.
Ansonsten noch ein Gemeinplatz: »Adler und Ende war ganz gut, oder wie das hieß, aber danach …«
Vielen Dank! Dazu passt, dass es unter dem Titel “zu ‘Lierarisch ist Leipzig längst tot’” (sic) beim Lokalblättchen höchstselbst simmert.
He Horatiorama,
ich habe es immerhin geschafft, zwei ihrer Bücher zu lesen (als ein Freund von dir). Zu meinen Lieblingsautoren ist sie deshalb nicht geworden. Während ich ihre Reisebeschreibung über Bosnien noch einigermaßen interessant, wenn auch atmosphärisch sehr zerstückelt, fand, hat mich “Adler und Engel” einfach nur gelangweilt. Leider habe ich die dumme Angewohnheit, Bücher immer bis zum (manchmal bitteren) Ende zu lesen. In diesem Fall hätte ich dies getrost sein lassen können. Aber das ist meine subjektive Meinung. Jeder kann anders über ihr literarisches Werk denken.
Ich möchte dir in deiner Ansicht Recht geben. Zum einen glaube ich, dass Juli Zeh das Älterwerden und das “Prä-Im-Studenten-Dunstkreis-leben” noch nicht verkraftet hat (zugegebenermaßen kein einfach Schritt, wie ich selbst weiß) und das Leipzig in Sachen Literatur nie seinem (zugegebenermaßen übertrieben hohem) Ruf gerecht wurde.
Danke für deine Einschätzung!
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